18.01.2018 17:03
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Initiative
Trinkwasser-Initiative: Viel Kritik
Die Trinkwasser-Initiative ist am Donnerstag mit 114'420 Unterschriften in Bern eingereicht worden. Sie fordert, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe Direktzahlungen erhalten, die auf den Einsatz von Pestiziden und vorbeugend verabreichte Antibiotika verzichten. Von bäuerlichen Organisationen und der Industrie hagelts Kritik.

Nur Landwirtschaftsbetriebe, die ohne Pflanzenschutzmittel produzieren und ihre Tiere vollumfänglich vom eigenen Hof ernähren können, sollen künftig noch Direktzahlungen erhalten. Für bäuerliche Organisationen und die Industrie geht das zu weit.

Obstverband: Verlagerung ins Ausland

Der Schweizer Obstverband (SOV) lehnt das Begehren ab. Die geforderten Massnahmen würden eine einheimische Obstproduktion sehr stark einschränken und Importe fördern, schreibt der SOV. Die Initiative würde eine erfolgreiche Landwirtschaft verunmöglichen. Die Produktion würde ins Ausland verlagert, wo die Schweiz keinen Einfluss auf die Herstellung nehmen könne, warnt der Obstverband.

Das Trinkwasser sei nirgends so sicher wie in der Schweiz. Der Schweizer Obstverband setzt auf den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel mit dem sich der Bund zu weiteren Massnahmen verpflichtet, um sichere Lebensmittel und eine intakte Umwelt auch für die Zukunft zu gewährleisten.

Bauernverband: Eintönige Landschaften

«Sauberes Wasser ist auch für die Landwirtschaft von zentraler Bedeutung», schreibt der Schweizer Bauernverband (SBV). Er lehnt die Initiative jedoch aus mehreren Gründen ab. Aus Sicht der SBV würde die Streichung der Direktzahlungen für Betriebe, die Pflanzenschutzmittel einsetzen, die pflanzliche Produktion in der Schweiz extrem einschränken und den Anbau von Kulturen wie Gemüse, Obst, Kartoffeln, Raps oder Zuckerrüben verunmöglichen. 

Das gleiche gelte auch für die Eier-, Geflügel- und Schweinefleisch. Die Mehrzahl der Betriebe hätten schlicht nicht die Möglichkeit, das für die Tiere benötigte Futter selber zu produzieren. «Dafür sind ausreichend Ackerflächen in guten Lagen nötig, die den Anbau von ausreichend Protein- und Kohlehydratquellen zulassen», heisst es weiter im Schreiben. Auch der Bio Landbau wäre nicht mehr möglich, weil dieser Pflanzenschutzmittel einsetze, hält der SBV fest.

Die Folgen der Initiative sind aus der Sicht des Bauernverbandes mehr Importe, welche bezüglich Ökologie und Tierwohl unter bedenklichen Bedingungen produziert werden. Schweizer Bauern könnten nur noch für «extrem anspruchsvolle» und kaufkräftige Konsumenten produzieren. Dies führe zu eintönigen Kulturlandschafen. Die Qualität des Schweizer Trinkwassers sei im weltweiten Vergleich hervorragend. Der Bauernverband will im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutz den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern.

Gemüseproduzenten: Senkung des Selbstversorgungsgrades

Auch für für die Schweizer Gemüseproduzenten ist die Trinkwasserinitiative eine Gefahr. «Die Initiative in ihrer bestehenden Form ist für die Schweizer Gemüsegärtnerinnen und Gemüsegärtner eine starke Bedrohung», schreibt der Verband Schweizer Gemüseproduzenten. Einerseits betreffe diese direkt die über 3500 Betriebe im Gemüsebau, die direktzahlungsberechtigt sind. Andererseits suggeriere das Begehren den Konsumentinnen und Konsumenten fälschlicherweise, dass Gemüseanbau ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) auf dem heutigen Niveau möglich sei.

«Ohne Einsatz von PSM könnten die Gemüsegärtnerinnen und Gemüsegärtner ihre Kulturen nur ungenügend vor Krankheiten, Schädlingen und der Konkurrenz von Unkräutern schützen», sagt Jimmy Mariéthoz, Direktor des Verbands Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP). Die Produzenten würden grössere Anbauflächen benötigen. Die Produktion in der Schweiz würde noch teurer und wäre nicht mehr lohnenswert. «Eine Senkung des Selbstversorgungsgrades und der Import von Gemüse aus dem Ausland wären die Folge», so der Verband. Zudem würde das vermeintliche Problem der Pflanzenschutzmittel einfach ins Ausland verlagert, betont der VSGP.

Agrochemie: Totalausfall bei Spezialkulturen

Die Industriegruppe Agrar lehnt die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» ab. «Die Forderung, es dürften nur noch Landwirte staatlich unterstützt werden, die weder Pflanzenschutzmittel noch vorbeugend Antibiotika einsetzen, ist unsachlich, einseitig und sie ignoriert die Bedürfnisse der Landwirte wie der gesamten Bevölkerung», heisst in der Mitteilung.

Die sichere Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit einheimischen Lebensmitteln wäre ohne Pflanzenschutz nicht möglich, hält die Industriegruppe Agrar fest. «Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gehen von einem Ertragsrückgang bis 40 Prozent aus, wenn kein Pflanzenschutz betrieben wird. Diese Schätzungen gelten auch für die Schweiz. Bei Spezialkulturen wie Reben und Obst oder bei Kartoffeln und Gemüse müsste mit Totalausfällen gerechnet werden», heisst es weiter.

Die Folgen der Initiative aus der Perspektive der Agrochemie sind: Die inländische Produktion würde kaum mehr zur Versorgung der Schweizer Bevölkerung beitragen. Lokale Lebensmittel würden teurer. Die Importe würden zunehmen. Mitglied der Industriegruppe Agrar BASF Schweiz, Bayer Schweiz, Leu+Gygax, Omya Schweiz Agro, Stähler Suisse und Syngenta Schweiz.

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