14.09.2020 17:52
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Agrarpolitik
Studie spricht von Milliardenschäden
Eine Studie, die im Auftrag der «Vision Landwirtschaft» verfasst wurde, listet die Umweltkosten der Landwirtschaft auf. Mit der Studie will die Organisation Reformen anregen. Über das Thema berichtet am Montagabend die Wirtschaftssendung «Eco» auf dem TV-Sender SRF 1.

Pünktlich zur Debatte um die Trinkwasser- und Pestizidverbotsinitiative sowie dem Absenkpfad Pflanzenschutz im Ständerat veröffentlicht Vision Landwirtschaft eine Studie, die eine Vollkostenrechnung für die Schweizer Nahrungsmittelproduktion präsentiert.

Tierproduktion zerzaust

Gemäss einem Vorabbericht auf der Website von SRF kostete die Nahrungsmittelproduktion in der Schweiz 2018 13.7 Milliarden Franken. Die Konsumenten kauften Produkte im Wert von 7,4 Milliarden Franken. Zudem wurden den Bauern Direktzahlungen in der Höhe von 2,8 Milliarden ausgerichtet. «Fast die Hälfte der Kosten wird von den Steuerzahlern und der Allgemeinheit übernommen», schreibt SRF.

Erstellt wurde die Studie von der Fachhochschule Kalaidos. Arg zerzaust wird die Tierproduktion. Gemäss Felix Schläpfer, Wirtschaftsprofessor von Kalaidos, werden vier Fünftel der Zahlungen gehen an die «besonders umweltschädliche Tierproduktion» ausgerichtet. Für Schläpfer werden falsche Anreize geschaffen. 

Fleischkonsum drosseln

Er propagiert dafür, weniger Fleisch, aber dafür mehr pflanzliche Nahrung zu essen. Und der Staat soll hier lenken und eingreifen. «Diejenigen, welche sich im Sinne der Klimaziele gut verhalten und weniger tierische Produkte konsumieren, werden beschissen. Und wer heute viel Fleisch konsumiert und wenig Pflanzen, bekommt viel Unterstützung vom Bund», so das unmissverständliche Statement von Schläpfer.

Das heisst, die Kosten für tierische Produkte sollen die Konsumenten übernehmen, und nicht die Allgemeinheit. Gefordert wird das Verursacherprinzip. Und das SRF schreibt hier dazu wortgetreu: «Ausgerechnet die Fleischproduktion, die nur durch riesige Futtermittel-Importe möglich ist, die einen massiven Überschuss an Gülle nach sich zieht und in der Folge jährlich Ammoniak-Schäden in Höhe von 1.7 Milliarden Franken verursacht, wird besonders gefördert.»

Ritter hinterfragt Zahlen

Der Wirtschaftsprofessor schiebt die Schuld aber nicht den Bauern zu, sondern der Politik. Denn diese schaffe die Rahmenbedingungen. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) teilt gegenüber dem Wirtschaftsmagazin mit, dass die Folgerung, die Politik umweltschädigende Konsummuster unterstütze, zu kurz greife. Um «unerwünschte Nebenwirkungen» zu beheben, schlage das BLW Anpassungen in der Agrarpolitik vor. 

Bauernverbandspräsident Markus Ritter hinterfragt die Zahlen der Studie. «Man kann in einer Vollkostenrechnung nicht nur die Kosten aufführen, sondern muss auch den Ertrag und den Nutzen, den die Landwirtschaft stiftet im Bereich der Biodiversität, beim Tierwohl und im Bereich der Pflege der gesamten Kulturlandschaft, hineinrechnen», sagt er gegenüber SRF. Gemäss Studie werden diese mit 1 Milliarde berücksichtigt.

Wertung von SRF?

Der Schlussteil des Artikels mutet erneut seltsam an. Er hört sich eher wie ein Kommentar des SRF-Autors an. Dieser schreibt wortwörtlich: «Der Abbau schädlicher Subventionen und die verursachergerechte Verrechnung der Umweltschäden ist zwingend. So liesse sich die Landwirtschaft auf einen nachhaltigeren und umweltfreundlicheren Weg führen.»

Mehr zum Thema am Montagabend um 22.25 Uhr im Wirtschaftsmagazin «ECO» auf SRF 1.

Vision Landwirtschaft konkretisiert

Die heutige Politik ist für die Vision Landwirtschaft weitab vom Verursacherprinzip. Sie bestrafe beispielsweise diejenigen, die sich umwelt- und tierfreundlich ernähren, oder Landwirte, die mit ihrem Verhalten sehr viel für die Umwelt leisten. Kostenwahrheit in der Landwirtschaft bedeutet für die Vision Landwirtschaft gemäss einem Beitrag im jüngsten Newsletter konkret:

  • Subventionen (Direktzahlungen. Red), die an landwirtschaftliche Inputs wie fossile Energie oder Outputs wie Milch oder Schlachtabfälle gebunden sind, sind eliminiert.
  • Kosten zulasten der Allgemeinheit durch Emissionen aus importierten oder künstlich hergestellten Produktionsmitteln (fossile Energie, importierte Futtermittel, Mineraldünger, Pestizide) werden ihren Verursachern angelastet.
  • Umweltbelastungen, die im Rahmen guter fachlicher Praxis auf Basis der regionalen Produktionsgrundlagen und unter Anwendung ressourcenschonender Technik entstehen, haben keine finanziellen Konsequenzen für die Produzenten.
  • Als gemeinwirtschaftliche Leistungen unterstützt werden weitergehende Leistungen wie pestizidfreie Produktion, Reduktion von CO2-Emissionen durch Umwandlung von Äckern auf Moorböden in Grünland, etc.
  • Bei importierten Nahrungsmitteln werden die Umweltauswirkungen der Produktion deklariert und mit Abgaben belegt, um eine Benachteiligung der einheimischen Produktion zu verhindern. Pauschale Zölle können in diesem Umfang reduziert werden.
Gemäss Vision Landwirtschaft «kann der nachhaltige wirtschaftende Landwirt dank der Kostenwahrheit günstiger produzieren als der umweltschädlich produzierende». Umweltfreundliche Nahrungsmittel würden im Laden dadurch günstiger als «umweltschädlich produzierte». Für die Umsetzung fordert die Organisation die Erarbeitung eines Masterplans. Dessen Horizont müsse über den Horizont der vierjährigen Etappen der Agrarpolitik hinausgehen. Zudem müsse dieser Plan mit den offiziellen Zielen und Strategien des Bundes in den Bereichen Umwelt, Klima, Gesundheit und Ernährung eng koordiniert werden.

Vision Landwirtschaft

Vision Landwirtschaft ist gemäss eigenen Angaben politisch und konfessionell unabhängig. Das Engagement der Denkwerkstatt basiere auf dem Respekt vor den Leistungen der Bäuerinnen und Bauern, welche die Lebensgrundlagen mit ihrer natürlichen biologischen Vielfalt zur Produktion von Nahrungsmitteln nutzen, pflegen, entwickeln und in unverwechselbaren Kulturlandschaften zum Ausdruck bringen, heisst es auf der Website. "Wir stehen ein für eine nachhaltige Landwirtschaft, welche die Natur mit ihrer Vielfalt an Arten und Lebensräumen als Basis für das menschliche Leben respektiert und fördert", heisst es weiter.
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