8.06.2013 17:28
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Biodiversität
Mehr Blumen mit weniger Papier
Der Zürcher Bauernverband will effizienter Biodiversität produzieren und deshalb die Vorschriften vereinfachen. Genau das könnte dem Vorschlag zum Verhängnis werden.

Bei Biodiversität denken die meisten Menschen an Blumen und Schmetterlinge. Den Bauern fallen bei diesem Wort vor allem Vorschriften ein: Schliesslich ist genau definiert, welche Ökofläche wie, wann, wo, gemäht, gedüngt oder eben nicht gedüngt werden darf. Und je mehr Vorschriften es zu den Ökoflächen gibt, die neu Biodiversitätsförderflächen (BFF) heissen, desto weniger begeistern sich die Bauern dafür. Der Zürcher Bauernverband (ZBV) schlägt nun ein Anreizsystem vor, um das zu ändern. Er setzt dabei verstärkt auf Unternehmertum.

Das Ergebnis soll gelten

Biologische Vielfalt kann man zwar nicht kaufen, aber man kann sie messen. Meistens macht man das mit Indikatorpflanzen, also mit Pflanzen, die entweder selten vorkommen oder die auf Lebensräume von seltenen Schmetterlingen, Heuschrecken, Vögeln etc. hinweisen. Stellt ein eigens dafür ausgebildeter Kontrolleur fest, dass auf einer BFF eine bestimmte Anzahl Indikatorpflanzen vorhanden sind, dann kann der Bauer für diese Fläche Ökoqualitätsbeiträge beantragen.

In der neuen Agrarpolitik nennt man solche Flächen BFF der Qualitätsstufe II. Der Bauer muss zwar den Kontrolleur bezahlen, weil er aber für die Qualität höhere Beiträge erhält, bleibt ihm trotzdem noch was übrig. So weit, so gut. Wenig plausibel ist für den ZBV-Vorstand allerdings, warum auf diesen Flächen auch dann noch Bewirtschaftungsvorschriften eingehalten werden müssen, wenn das Ergebnis mittels Indikatorpflanzen erfasst wurde. Weshalb er fordert: "Auf Flächen, welche die Ökoqualitätsstufe zwei erfüllen, sollen die Bauern von jeglichen Bewirtschaftungsauflagen befreit werden."

Vereinfachung im Betriebsablauf

Dass starre Bewirtschaftungsvorschriften nicht unbedingt zu mehr Ökoqualität führen, ist schon lange bekannt. ZBV-Vorstandsmitglied Andreas Buri: "Eine Flexibilisierung von beispielsweise dem Schnittzeitpunkt wird auch aus Naturschutzkreisen gewünscht." Doch auch die neue Direktzahlungsverordnung sieht weiterhin vor, dass z.B. extensive Wiesen im Berggebiet nicht vor dem 15. Juli gemäht werden dürfen. Unabhängig davon, ob die Blumen längst versamt haben, das Gras bereits zu faulen beginnt und die einzigen zwei Schönwettertage für den 13. und 14. Juli angesagt sind.

Der ZBV ist überzeugt, dass ein Wegfall der Bewirtschaftungsvorschriften zu einer Vereinfachung im Betriebsablauf führen kann, ohne die natürliche Artenvielfalt zu beeinträchtigen. Zudem dürfte der Anreiz steigen, die zweite Stufe BFF-Qualität zu erreichen. Buri: "Und wer falsch handelt, bekommt ohnehin keine Beiträge mehr."

Fläche ist nicht alles

Biodiversitätsförderung ist für Bauern eine Pflichtübung. Heute muss jeder Bauer, der in den Genuss von Direktzahlungen kommen will, mindestens sieben Prozent seiner Nutzfläche im Rahmen des ökologischen Ausgleichs als BFF bewirtschaften. Dabei taugt Fläche als alleiniges Kriterium für die Aufrechterhaltung der Artenvielfalt nicht. Viele Ökoflächen tragen wenig zur Artenvielfalt bei, weil sie z.B. am falschen Ort angelegt sind. Nämlich dort, wo sie am wenigsten Fläche von der Produktion wegnehmen.

Dem will der ZBV entgegenwirken: "Eine doppelte Anrechnung der BFF-Flächen mit Qualität II an den ökologischen Ausgleich würde den Anreiz setzen, auch im Bereich Ökologie mit der knappen Ressource Boden haushälterisch umzugehen und gleichzeitig einen hohen Beitrag zur natürlichen Artenvielfalt zu leisten." Die doppelte Anrechnung an die Fläche soll gleichermassen für ökologische Vernetzungsprojekte gelten, weil hier zwölf bis fünfzehn Prozent Ökoflächen vorgeschrieben sind.

Darüber hinaus fordert der ZBV die Schaffung einer Ökoqualitätsstufe II-Plus. Er stellt sich darunter "ökologisch überaus wertvolle Flächen, die entweder 50 Prozent mehr Arten aufweisen als für das Erreichen der Ökoqualitätsstufe II vorgeschrieben oder besonders seltene Pflanzen oder Tiere von der Roten Liste beherbergen", vor. Auch hier will der ZBV die Bauern mit einem geringeren Flächenbedarf motivieren. Solche Hotspots der Biodiversität sollen "mit dem Faktor drei an die ökologische Ausgleichsfläche angerechnet werden."

BLW offen für erneute Überprüfung 

Die Vorschläge des ZBV zielen im Prinzip in dieselbe Richtung wie die neue Agrarpolitik. Auch aus Naturschutzkreisen wird immer wieder betont, dass bei der Ökologie vermehrt auf Qualität statt Quantität gesetzt werden soll. "Der Bund hat schon in der AP 2011 vorgeschlagen, flexible Schnittzeitpunkte einzuführen. Das wurde damals von den Kantonen mit dem Hinweis auf den Vollzug abgelehnt. Denn wenn es keinen fixen Schnittzeitpunkt gibt, kann man die Qualitätskontrollen schlechter organisieren", erklärt Eva Wyss vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW).

Grundsätzlich sei man aber offen für eine erneute Prüfung der Schnittzeitpunkt-Flexibilisierung "sofern das von den Kantonen unterstützt wird." Bei den neu einzuführenden "artenreichen Flächen im Sömmerungsgebiet" hat das BLW übrigens gänzlich auf Bewirtschaftungsauflagen verzichtet. Dort zählt nur, ob Indikatorpflanzen gefunden wurden oder nicht.

Doch was auf der Alp gilt, dürfte sich im Rest der Schweiz als schwierig erweisen. Die neuen Direktzahlungsvorschriften sehen zwar vor, dass z.B. "zur mechanischen Bekämpfung von Problempflanzen auf BFF Ausnahmen von den Bewirtschaftungsvorgaben zu Schnittzeitpunkt und Schnittha¨ufigkeit bewilligt werden können." Damit sind u.a. Disteln gemeint, die sich in extensiv genutzten Flächen gerne ausdehnen.

Die Angst der Bürokraten

Und in ökologischen Vernetzungsprojekten sind "bezüglich Schnittzeitpunkt und Nutzungsart von den Anforderungen der Qualita¨tsstufe I abweichenden Nutzungsvorschriften" möglich. Aber solche Ausnahmebewilligungen generieren eine Menge Arbeit und verbrauchen viel Papier, denn die Vorschriften müssen zuvor mit dem Kanton, oder mit einer vom Kanton bezeichneten Stelle schriftlich vereinbart werden. Hier kommen vielfach jene Ökobüros zum Zug, die solche Vernetzungsprojekte erstellen und dafür von den Bauern bezahlt werden.

Natürlich muss der Kanton die Umsetzung dann auch noch beaufsichtigen, womit erneut Papier produziert wird und noch mehr Büroarbeitsplätze gesichert werden. Buri ist wie der ZBV davon überzeugt, dass es das zunehmend zu einem Problem wird: "Der administrative Aufwand in der Landwirtschaft nimmt massiv zu. Die Bauern müssen wieder mehr Verantwortung erhalten." Der Vorschlag des ZBV kommt ohne viel bürokratischen Aufwand aus. Vermutlich wird er es genau deswegen schwer haben.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE