12.11.2013 08:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Sigrist
Zürich
«Kulturlandverlust ist ein Bauernopfer»
Geht es nach dem Willen des Zürcher Kantonsrats, entsteht in Bülach die neue kantonale Jagdschiessanlage. Eine Kiesgrube wird nicht zugeschüttet und der Landwirtschaft übergeben, sondern umgenutzt.

In den 90er-Jahren, bevor der Kiesabbau in der Widstud in Bülach begann, wurde in einem Vertrag festgehalten: Nach Abbau und Wiederaufschüttung der Grube wird das Gebiet in zwei Hektaren Biotop und vier Hektaren Landwirtschaftsland umgewandelt. Jetzt, rund 20 Jahre später, sieht alles anders aus: Noch bevor die letzte Tonne Kies aus dem Boden geholt wird, ist dieser neu verteilt worden. Statt Lebensraum für Tiere und Produktionsort für Nahrungsmittel werden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Zürcher Jagdschützen die Widstud in Beschlag nehmen.

150 Fahrzeuge pro Tag

Diese Neuvergabe ging allerdings nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne, vor allem, weil sich drei Frauen dagegen wehren: Hanni Guyer, Daniela Arnold und Yvonne Bont. Sie wohnen unweit der Grube Widstud im Bülacher Weiler Heimgarten, weshalb sie für ihren Widerstand den Namen ProHeimgarten wählten. Wie kam es dazu, dass sie vor zwei Jahren plötzlich begannen, Sitzungen durchzuführen, Broschüren druckten und verteilten und fast 4000 Unterschriften gegen die geplante Schiessanlage sammelten?

«Eigentlich waren wir nie gegen die Schiessanlage an sich», erklärt Daniela Arnold, welche mit ihrer Familie den Bauernhof neben der Kiesgrube bewirtschaftet. «Es ist die Dimension des geplanten Projektes, welche wir ablehnen: 1,6 Millionen Schuss pro Jahr, 150 Fahrzeuge pro Tag, Tontaubenschiessen im Freien und ein Restaurant – das alles geht weit über den gesetzlichen Auftrag des Kantons hinaus. Dieser muss den Jägern eine Trainingsanlage zur Verfügung stellen, ja, aber nicht den Sportschützen».

Inzwischen sind zwei Jahre verstrichen und verschiedene Entscheidungen gefallen: Diesen Juni bewilligte der Zürcher Kantonsrat den Standort Widstud im Richtplan als Jagdschiessanlage. Einzige Auflage: Sportschützen dürfen die Anlage höchstens zu 25 Prozent beanspruchen, was in etwa der jetzigen Anlage Embrach entspricht.

Umzonung genehmigt

Geplant ist nun, das Projekt voranzutreiben und die drei bestehenden Standorte Embrach, Pfäffikon und Meilen aufzuheben. Ist die Geschichte damit erledigt, der Widerstand verstummt? Der Bülacher Stadtpräsident Walter Bosshard sagte noch im September 2011: «Die Kiesgrube, in der die Anlage gebaut werden soll, wurde nur unter der Auflage bewilligt, dass sie wieder geschlossen und die Fläche renaturiert wird. Jetzt darin eine Schiessanlage zu bauen, verstösst gegen Treu und Glauben.» Der stadteigene, von der Familie Arnold bewirtschafteten Betrieb ist unmittelbare Anstösserin der Kiesgrube.

«Das erlaubt uns, beim geplanten Projekt mitzureden», erklärt Beat Hildebrandt, städtischer Förster und Leiter Natur und Umwelt. «Genehmigt ist ja erst die Umzonung, das Projekt selber ist nicht definitiv.» Erst kürzlich sind in der Kiesgrube Schiessversuche mit Lärmmessungen durchgeführt worden. Daniela Arnold hat die Schüsse gehört und sich ihre Gedanken gemacht: «Die Behauptung der Baudirektion, dass wir von der Anlage und den Schüssen kaum was wahrnehmen würden, ist stark untertrieben».

Ja zum Richtplan

Der Stadtrat Bülach hat sich gegen die geplante Jagdschiessanlage ausgesprochen und will rechtliche Schritte einleiten. Das alles hat den Kantonsrat nicht beeindruckt: Er sagte im Juni mit 117:52 Stimmen deutlich Ja dazu, dass die Anlage im Richtplan eingetragen wird. im Projekt vorgesehen sind ein Restaurant und Ausbildungsräume für Weiterbildungen der Schützen. ral

Arnold und ihre zwei Mitstreiterinnen haben mit viel Energieeinsatz einen Teilsieg errungen und damit bewiesen, dass es sich lohnt zu kämpfen. «Die beteiligten Parteien waren sich nicht einig, darum haben wir schlussendlich verloren», meint Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbandes, leicht resigniert. Der ZBV wollte den Standort Embrach sanieren und weiternutzen, nun wird dieser zu einer Auenlandschaft aufgewertet. Verloren gegangen sind effektiv vier Hektaren Landwirtschaftsland in Bülach, «vor dem Aushub war das wunderbares Ackerland», bedauert auch Hans Frei, Präsident des Zürcher Bauernverbandes, welcher sich im Kantonsrat erfolglos gegen den Standort Widstud gewehrt hatte.

Kulturland ist weg

Auch Hildebrandt beklagt den Verlust der Fruchtfolgeflächen. «Bülach ist der doppelte Verlierer: Das Kulturland ist weg, und nun bekommen wir mit der geplanten Anlage zusätzlichen Lärm und Verkehr. In Embrach werden die Auen geschützt, anderswo vielleicht Fruchtfolgeflächen als Kompensation angelegt – und wir? Der Verlust des Kulturlandes ist ein Bauernopfer. Wäre es nicht möglich gewesen, eine der bestehenden Anlagen auf- respektive umzurüsten? Die Frage ist doch: Wer hat hier die grössere Lobby?»

«Nun ja, Widstud ist heute eine Kiesgrube und kein Ackerland», relativiert Urs Philipp, Leiter der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung. «Und der Kanton wird die vier Hektaren Fruchtfolgeflächen an einem anderen Ort kompensieren, vielleicht am Standort der Schiessanlage Pfäffikon, die geschlossen wird.» Seine Verwaltung ist nun dabei,  einen Gestaltungsplan zu entwerfen. Dazu gehören die Ergebnisse der neusten Lärmabklärungen, ein Umweltbericht.

Philipp rechnet damit, im 1. Quartal 2014 mit der Stadt Bülach zusammensitzen und über die Pläne beraten zu können. Noch drängt die Zeit nicht, denn die Anlage in Embrach kann bis 2019 betrieben werden, und im Widstud rechnet der Kanton mit einer Bauzeit von zwei Jahren. Aber für Daniela Arnold und ihre Mitstreiterinnen ist klar: «Unsere Forderung nach einer Redimensionierung besteht weiterhin. Alles, was über den gesetzlichen Auftrag hinausgeht, werden wir bekämpfen!»

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE