20.08.2015 07:04
Quelle: schweizerbauer.ch - Robert Alder
Bern
«Ich wollte einmal Bauer werden»
2006 wurde Andreas Rickenbacher in die Berner Regierung gewählt. Als Betriebswirtschafter weiss er, wie die Volkswirtschaft funktioniert. Versteht er auch die Bauern und ihre Probleme? Wir haben nachgefragt.

Schweizer Bauer: Ihr letzte Woche angekündigter Rücktritt hat viele überrascht. Haben Sie ob der in letzter Zeit geäusserten Kritik kalte Füsse bekommen?
Andreas Rickenbacher: Nein. Als Exekutivmitglied muss man lernen, mit Kritik umzugehen. Dies gelingt mal besser oder mal weniger. Mühe habe ich dann, wenn sie unsachlich wird.

Der Berner Bauernverband hat öffentlich Kritik am Lanat und an Amtsleiter Urs Zaugg geübt. Als oberster Chef kann ihnen das ja nicht gleichgültig sein.
Ich hatte im Nachgang Gelegenheit, mich mit Hansjörg Rüegsegger zu besprechen. Dennoch hätte ich es vorgezogen, dies im direkten Gespräch und nicht über die Medien zu klären. Der Bauernverband ist ein Interessenverband, aber nicht der einzige. Die Volkswirtschaftsdirektion vertritt die ganze Wirtschaft. Im Übrigen hat meine bürgerliche Vorgängerin das heutige Amt mit Landwirtschaft und Natur zusammengelegt.

Die Inforama-Co-Leitung ist nach kurzer Zeit bereits wieder Geschichte. War das kein glücklicher Entscheid?
Im Nachhinein muss ich sagen, dass dieses Modell gescheitert ist. Eigentlich hatte es in der Struktur gut funktioniert, wurde aber vom Kader nicht mitgetragen. Jetzt haben wir bewiesen, dass wir auch mal einen Schritt zurückgehen können.

Ist es schwierig, solche Positionen zu besetzen?
Ja, das wird vor allem bei Kaderpositionen zunehmend schwieriger. Einerseits ist die Konkurrenz in der Privatwirtschaft, aber auch beim Bund gross, da dort höhere Löhne bezahlt werden. Andererseits ist man exponierter, macht sich angreifbar.

Die Bäuerinnen fühlten sich von Zauggs Aussagen ausgegrenzt. Wie sehen Sie deren Rolle?
Ich komme selber vom Land, bin in einem Dorf im Seeland aufgewachsen und wohne immer noch dort. Als Bub half ich oft Bauern in der Nachbarschaft. Ich wollte sogar Bauer werden. Auch heute pflege ich gute Kontakte mit Bauernfamilien und kenne die Rolle der Bäuerinnen sehr wohl. Das Geld am Inforama kommt von der Erziehungsdirektion. Sie ist also eine Berufsschule wie jede andere. Heute haben wir aber für alle Beteiligten einen gangbaren Weg gefunden.

Die Nachfrage nach regionalen und ökologischen Nahrungsmitteln steigt. Doch die Bauern bekommen immer weniger für ihre Produkte.
Es bedrückt mich persönlich, dass Nahrungsmittel in Franken immer weniger wert sind. Es gibt keine Patentlösung. Positiv ist aber, dass Bauern Schritte vorwärts wagen mit innovativen Vermarktungsmöglichkeiten.

Braucht es eine produzierende Landwirtschaft auch in zehn Jahren noch?
Sicher. Die Qualität wird wichtig bleiben, da bin ich überzeugt. Die Herausforderungen werden jedoch grösser. Der Konkurrenzdruck aus dem Ausland aber auch. So wie die Welt heute funktioniert, wird es weitere Lebensmittelskandale geben. Ich hoffe, dass die Mehrheit der Konsumenten sich der inländischen Qualität bewusst ist und beim Einkaufen darauf achtet, woher ihr Essen kommt.

Kürzlich haben Sie sich mit Junglandwirten unterhalten. Was sagen Sie jungen Bauern?
Ich hatte Freude am Gespräch. Auch der Spargelproduzent, bei dem ich einkaufe, war dabei. Die Welt ist schnelllebiger geworden. Man kann heute nach der Grundausbildung nicht 40 Jahre im Beruf weiterarbeiten. Es braucht in jedem Beruf permanente Weiterbildung, sonst hat man keinen Erfolg.

Der Strukturwandel geht weiter. Bestehen Perspektiven?
Klar, auch die Berner Betriebe werden grösser. Wir müssen Aussteigern aber gute Chancen bieten. Diese sind intakt, denn Bauern sind gut ausgebildet und arbeitswillig. Deshalb sind sie auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

Wo hat der Kanton Bern als grösster Agrarkanton die Themenführerschaft?
Wie kaum ein anderer Kanton weist Bern eine Produktionsbreite auf wie kein anderer. Sei es die Berglandwirtschaft, die Viehzucht, Ackerbau oder Gemüse. Neben dem Gemüsebau sind weiterführende Bildungsinstitutionen wie die Hafl prägend.

Bauern klagen, dass der Verwaltungsaufwand für sie vereinfacht werden müsse.
Ich teile diese Einschätzung und stelle das bei persönlichen Betriebsbesuchen fest. Was der Bund, aber auch die Verarbeiter vorgeben, ist jedoch nicht zu unterschätzen. Ich versuche im Rahmen der Landwirtschaftsdirektorenkonferenz zu sensibilisieren und Lösungen vorzuschlagen.

Was machen Sie nach ihrem Rücktritt im Juni 2016?
Ich möchte in der Wirtschaft unternehmerisch tätig sein. Da ich weiss, wie die Wirtschaft und die Politik funktioniert und ich kommunizieren kann, kann ich für die strategische Führung für Firmen interessant sein. Das kann durchaus auch im Lebensmittelbereich sein.

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