18.11.2014 13:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Bern
Fruchtfolgeflächen in Alpentälern gefunden
Der Kanton Bern weist offiziell zu wenig Fruchtfolgeflächen (FFF) aus. Dies will er ändern, indem er zusätzliche FFF, vor allem im Hügel- und Berggebiet, ausscheidet. Die Gemeinden prüfen derzeit, ob die neuen FFF korrekt sind.

Die Not ist gross. Der Kanton Bern, insbesondere die Agglomeration rund um die Stadt Bern, möchten sich «entwickeln» oder «wachsen». Unter dem zynischen Titel «Boden gutmachen» will etwa die Regionalkonferenz Bern-Mittelland bis ins Jahr 2030 weitere 300 ha einzonen und überbauen – auch damit die Bevölkerung in der Region Bern um weitere 23'400 Einwohner zunehmen kann.

Nicht kompensieren

Beste landwirtschaftliche Böden, die sich über Jahrtausende herangebildet haben, sollen mit der Baggerschaufel für immer zerstört werden. Diesem Entwicklungsdrang steht entgegen, dass der Kanton Bern in der Antwort auf eine Interpellation von Grossrat Hans Rösti (SVP) zugeben muss, dass er nur noch 79'100 ha Fruchtfolgeflächen (FFF) aufweist. Dabei hat ihm der Bundesrat vorgeschrieben, dass er mindestens 82'200 ha FFF haben muss. Also müsste der Kanton eigentlich jede überbaute FFF kompensieren.

Das hat der Kanton Bern aber nicht vor. Im September hat er deshalb den meisten Berner Gemeinden einen Brief mit dem Titel «Ergänzung des Inventars der Fruchtfolgeflächen (Zusatzflächen 2014)» geschrieben. Darin heisst es: «Die Ergänzung des Inventars FFF ist notwendig, damit sich der Kanton und die Gemeinden einen Handlungsspielraum für die künftige Entwicklung bewahren können. Mit der Aufnahme der ausgewiesenen Zusatzflächen in das Inventar kann der Kanton den vom Bund vorgeschriebenen Mindestumfang erreichen und die Voraussetzung schaffen, damit FFF auch künftig für wichtige Ziele beansprucht werden können, ohne dass in jedem Einzelfall eine Kompensation nötig ist.»

Kriterien für FFF

Fruchtfolgeflächen (FFF) umfassen ackerfähiges Kulturland. Der Bund gibt für FFF die folgenden Qualitätskriterien vor: 
Klimaeignung: 

  • Das Klima muss eine genügend lange Vegetationszeit aufweisen, damit Ackerbau möglich ist. Gemäss Klimaeignungskarte des Bundes kommen dafür die Kategorien A, B, C und D1–4 in Frage.
  • Hangneigung kleiner als 18% (maschinelle Bewirtschaftbarkeit)
  • Gründigkeit des Bodens 50 cm oder mehr (Fruchtbarkeit des Bodens)
  • Mindestfläche in der Regel 1 ha oder mehr (rationelle Bewirtschaftbarkeit). sal

Bis am 18.12 prüfen

Laut dem Bund schöpfte der Kanton Bern die von ihm vorgegebenen Kriterien (vgl. Kasten) bisher nicht vollständig aus. Er forderte ihn deshalb auf, das Inventar zu ergänzen. An Röstis Adresse schrieb der Regierungsrat, die Verwaltung habe zusätzliche FFF ermitteln können, die zu 40 Prozent in der Talzone sowie zu je rund 30 Prozent in der voralpinen Hügelzone und in der Bergzone I lägen.

10 Prozent für Ställe usw. – Kanton bremst

Im Zeitraum 1981–2005 wurden rund 10 Prozent aller im Kanton Bern verloren gegangenen FFF durch landwirtschaftliche Bauten und deren Umschwung verursacht. In der Revision des Baugesetzes will der Regierungsrat deshalb auch landwirtschaftliche Bauvorhaben dem Artikel unterstellen, der einen schonenden Umgang mit FFF fordert. Er schreibt: «Soweit es sich bei den betreffenden Vorhaben um Anpassungen von bestehenden Bauten oder um Vorhaben mit geringer Flächenausdehnung handelt, dürften in der Regel auf dem betroffenen Betriebsareal Kompensationsflächen zur Verfügung stehen.»

Bei nicht dauerhafter Beanspruchung für Treibhäuser oder Folientunnel könne die Wiederherstellung des Bodens nach Aufgabe der Nutzung als Auflage in die Baubewilligung kommen. Lobag-Geschäftsführer Andreas Wyss bezeichnet diese Absicht als Revanche für die Lancierung der Kulturlandinitiative durch die Berner Bauernfamilien und hält entgegen: «Die Bauern werden von Markt, Politik und Verwaltung zum Bauen gezwungen. Es liegt im Eigeninteresse der Betriebe, dafür nicht die besten Böden mit den höchsten Erträgen zu brauchen.» Wyss ist jedoch zuversichtlich, dass die Frage der Beanspruchung der FFF durch die Landwirtschaft im Gesetzgebungsprozess gelöst werden kann. sal

Im Schreiben vom 18. September wurde allen Gemeinden mit neu ermittelten FFF mitgeteilt, wo diese liegen. Bis am 18. Dezember 2014 können die Gemeinden dem Kanton nun mitteilen, ob sie damit einverstanden sind oder welche  FFF die Kriterien nicht erfüllen.

In Erlenbach gefunden

Andreas Wyss, Geschäftsführer der Lobag, sieht es wie Rösti: «Die Ermittlung der zusätzlichen FFF lief nach dem Motto ‹Wer sucht, der findet›. Weil die neuen FFF vom Schreibtisch aus ermittelt wurden, ist es sehr wichtig, dass die Behörden jeder betroffenen Gemeinde dies mit dem lokalen Erhebungsstellenleiter besprechen.» Die Lobag rät, genau hinschauen. «Unser Anliegen ist es, dass nur Flächen als FFF bezeichnet werden, die  wirklich solche sind», so Wyss.

Die neuen FFF liegen etwa in der Gemeinde Erlenbach im Simmental, die bisher keine FFF aufwies. Oder im Haslital an der Mündung der Aare in den Brienzersee. Oder auf dem Hondrich eingangs Kandertal. Oder in Linden bei Oberdiessbach auf 900 Meter über Meer und im Gohlgraben bei Bärau. Dabei ist zu bedenken, dass heute schon FFF von fragwürdiger Qualität ausgeschieden sind. In Unterlangenegg BE etwa ist das ganze «Mösli», ein drainiertes Hochmoor, als FFF gemeldet.

Dabei liegen dort bei der Gerste höchstens 40 dt/ha Ertrag drin, und die Schwarzerde sollte laut lokalen Landwirten ohnehin besser nicht gepflügt werden, um Verdunstung und weitere Absackung des Bodens zu verhindern und Drainagen nicht zu gefährden. Übrigens sollen sich laut der  Regierung vor allem die Zentren entwickeln, in der sogenannten Peripherie ist so gut wie kein Wachstum vorgesehen. Wenn aber rund um Bern gebaut wird, wird fast immer eine viel wertvollere FFF für immer zerstört, als wenn man in Linden oder im Gohlgraben bauen würde.

 

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