12.02.2018 14:48
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Genf
Deponie gefährdet Bauernhöfe
Der Kanton Genf will ein eine Million Kubikmeter grosses Loch in landwirtschaftlich genutzte Flächen und Wald graben, um dort Schlacke der Kehrichtverbrennung zu deponieren. Betroffene Bauern und Gemeinden erwägen Petitionen.

Mit 22 Pensions-Pferden nutzt Bernard Baumgartner derzeit eine etwa zehn Hektar grosse Weide zwischen zwei Waldstücken bei Bossy. Bei den Eigentümern der Pferde aus der nahen Stadt ist die Lage auch aufgrund des angrenzenden und für Ausritte idealen Waldes von Versoix beliebt.

10 bis 15 Hektaren

Geht es aber nach dem Willen des Kantons Genf sollte diese Fläche, zusammen mit rund zehn Hektaren Wald und weiteren zehn Hektaren von Nachbarn, einer riesigen Abfalldeponie weichen müssen. Auf 10 bis 15 Hektaren würde die Schlacke offen gelagert – das etwa zwei Meter tiefe Loch soll eine Million Kubikmeter gross werden, was einem Volumen von 400 Schwimmbädern entspricht.

Bislang wird die in der Verbrennungsanlage Cheneviers bei Genf entstehende Schlacke in Châtillon bei Bernex gelagert, die aber nicht mehr genügend Platz bietet. Von 14 untersuchten Standorten für eine neue Deponie fielen drei in eine engere Wahl, nämlich jene in Collex-Bossy sowie in Versoix und in Bourdigny (Gemeinde Satigny).

Existenz bedroht

In allen drei Gemeinden wären landwirtschaftlich genutzte Fruchtfolgeflächen betroffen, weshalb sich François Erard, Direktor von Agri-Genève, vehement dagegen zur Wehr setzt. «Ein solches Projekt würde dazu führen, dass ein oder mehrere Betriebe in unserem Kanton aufgeben müssten, ganz zu schweigen von dem Imageverlust, den eine solche Installation auf die Produktion der umliegenden Bauernhöfe haben würde», meint Erard.

Auch Bernard Baumgartner wäre in seiner Existenz bedroht. Sein Hof, den er in dritter Generation führt, würde sogar unmittelbar an die neue Deponie angrenzen. Vermutlich würde man ihn enteignen, befürchtet er – und spricht von etwa zehn Hektaren Weiden und zehn Hektaren Wald. Heute bewirtschaftet er rund 24 Hektaren LN, etwa die Hälfte davon nutzt er, um für die Pensionspferde Futter anzubauen. 

Hochspannungsleitungen und Kernforschungszentrum

Doch angesichts der von der Deponie zu erwartenden Emissionen, namentlich Lärm und Staub durch die regelmässigen Lastwagen-Fahrten, sowie giftigen Gestank, befürchtet er, dass auch die Eigentümer der Pferde nicht mehr gewillt sein werden, bei ihm Pferde einzustellen. Genug hat Baumgartner aber auch, weil er bereits zugunsten von Hochspannungsleitungen und für das Kernforschungszentrum Cern Boden hergegeben hat.

Unterstützung bekommt Baumgartner von Arnaud Ythier, dem Präsidenten der Gemeinde Collex-Bossy. Ythier ist Mitunterzeichner eines offenen Briefes an den Genfer Staatsrat Luc Barthassat, in dem er unter anderem bemängelt, dass sich der Kanton nicht genügend um Alternativen bemüht habe.

Gemeinde lanciert Petition

Dies obschon die Regierung bereits im März 2001 dazu aufgefordert wurde, und dazu noch einen Kredit von 780'000 Franken bekommen hat. Das könnte etwa Recycling einschliessen, oder das Trennen von Abfall, wodurch die Abfallmenge um bis zu 25 Prozent reduziert werden könne.

In einer Petition, die von inzwischen 2160 Anwohnern unterzeichnet wurden fordert die Gemeinde daher ein «Nein zur Zerstörung der Grünen Lunge von Collex-Bossy, aber ein Ja für die alternative Verwertung der Schlacken.» Ähnliche Petitionen dürften auch von den Gemeinden Versoix und Satigny zu erwarten sein, und laut François Erard will auch AgriGenève noch diese Woche eine solche lancieren. 

Das sagt der Kanton Genf

Gesellschaft ist verantwortlichWie von Yves Bellégo vom Genfer Departement für Umwelt, Verkehr und Landwirtschaft (DETA) auf Anfrage zu erfahren war, «suchte der Kanton parallel nach einem passenden Standort und nach den effizientesten Technologien zur Verwertung der Schlacken». Erste Forschungsergebnisse zeigten dabei, dass vielversprechende Verfahren zur Rückgewinnung von Metallen existieren würden. Was gemäss schweizerischer Gesetzgebung im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern jedoch nicht erlaubt sei, sei die Verwertung von Schlacken etwa beim Bau von Strassen. Das DETA zeigt zwar Verständnis für die Befürchtungen von direkt betroffenen Bauern und Gemeinden, hält aber auch fest, «dass letztlich die moderne Konsumgesellschaft dafür verantwortlich ist, dass Schlackenasche entsteht und beseitigt werden muss». Allenfalls betroffenen Bauern verspricht der Kanton Genf eine finanzielle Entschädigung. Sollte die von unabhängigen Experten durchgeführte Studie, die auf etwa Juni erwartet wird, aufzeigen, dass Alternativen existieren, würde man auf den Bau einer neuen Deponie verzichten. czb

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