8.08.2020 17:34
Quelle: schweizerbauer.ch - Monika Gerlach
Initiative
«Das Problem ist die Giftigkeit, nicht die Menge»
Der Bodenökologe Edward Mitchell und der preisgekrönte biodynamische Winzer Jean-Denis Perrochet, erläutern im Interview, warum die Volksinitiative "Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide" auch für die Bauern von Vorteil sei.

«Schweizer Bauer»: Viele Bauern lehnen Ihre Initiative ab. Was sagen Sie dazu?

Mitchell: Heute leiden sehr viele Landwirte unter einem unfairen Wettbewerb. Mit unserer Initiative werden die Regeln für alle gleich sein. Da alle Landwirte diesen Übergang machen, wird die Schweizer Eidgenossenschaft ihnen helfen, das kommt automatisch. Die Landwirte werden sich nicht am Kopf kratzen und darüber wundern was zu tun ist.  Es bleiben zehn Jahre Zeit für die Umsetzung. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass die Initiative eine grosse Chance für die Landwirte ist. Ich kann verstehen, dass sie dies nicht auf den ersten Blick sehen, weil sie sehr häufig das Ziel von Umweltschützern sind, die sagen, dass sie etwas falsch machen. Sie wollen das nicht hören, und das kann ich verstehen! Aber wenn sie wirklich darüber nachdenken, was dies alles bedeutet, und wir haben es oft erklärt, ... wenn wir beginnen mit den Landwirten zu reden ist die erste Reaktion: Ihr seid gegen uns! Aber in der Diskussion kommen dann Reaktionen wie:  Du hast Recht. Manche ändern ihre Meinung.

Perrochet: Viele kennen den Text unserer Initiative nicht. Mit unserer Initiative sind wir nicht gegen die Bauern oder andere Menschen, wir sind gegen den Gebrauch giftiger Stoffe in der Lebensmittelproduktion und synthetische Pflanzenschutzmittel sind giftige Stoffe.

Mitchell: Der Schweizer Bauernverband hat sich gegen unsere Initiative positioniert, und seine Vertreter erzählen nicht die ganze Geschichte. Sie vermischen Informationen von zwei Initiativen gezielt, um sicher zu sein, dass die Landwirte gegen beide Initiativen sind. Ich frage: Wen unterstützt der Bauernverband? Unterstützt er die Landwirte oder die Pestizid-Industrie?


Perrochet: Es ist auch ganz offen vom Kommunikationschef des Bauernverbands gesagt worden, dass die zwei Initiativen in der Kommunikation vermischt werden und nur gegen die erste, die Trinkwasserinitiative gewettert wird, so viel, dass die andere auch abgelehnt wird. Über unsere Initiative reden sie nicht, und das sagen sie öffentlich. Sie sind schamlos. Das ist unglaublich.

Die Initiative betrifft laut dem Bundesrat auch Biozide, weil diese zu den Pestiziden zählen. Das bedeutet, auch Biozide würden verboten.

Perrochet: Nein, das stimmt nicht. Das will der Bauernverband der Bevölkerung weiss machen, aber das ist nicht korrekt. Im Text steht nur «synthetische Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion», und zur Produktion von Lebensmitteln werden keine Biozide gebraucht. Darum reden wir in unserer Initiative auch nur von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, und nicht von Bioziden. Wir wollen, dass unsere Initiative möglich wird. Wenn unser Ziel nicht verstanden wird, dann ist da auch ein bisschen schlechter Wille dabei.

Nicht nur die Landwirtschaft braucht Pestizide. Maler setzen auf Fassaden zum Beispiel Fungizide ein. Warum wird dem Bauer verboten, was der Maler weiter darf?

Perrochet: Wenn Sie ein Biozid brauchen, zum Beispiel in der Farbe an der Wand, dann können Sie selber wählen, welche Farbe Sie benutzen wollen, ob mit oder ohne Pestizid. Bei Nahrungsmitteln ist es anders. Sie können nicht wählen. Auf den Lebensmitteln, die wir kaufen, steht nicht, ob sie Pestizidrückstände enthalten oder nicht.

In der Schweiz gäbe es mit Ihrer Initiative nur noch pestizidfrei hergestellte Produkte in den Läden. Aber die Menschen könnten ins Ausland fahren fürs Einkaufen. Dieser Import wäre weiterhin erlaubt.

Mitchell: Ja, in der Schweiz wäre dann alles im Verkauf pestizidfrei. Natürlich, wenn sie privat ins Ausland einkaufen gehen (Stichwort Einkaufstourismus) dann ist das anders.

Perrochet: Die Initiative regelt nur den Import von Handelswaren, das ist wichtig. Die Leute, die am Samstag nach Pontarlier oder Konstanz fahren, um ein billiges Steak zu kaufen, können das weiterhin tun! Die Gegner sagen, wir hätten gar nicht so viele Zöllner an den Grenzen, um Einfuhren zu kontrollieren, aber das will die Initiative auch nicht. Nur die Handelswaren werden kontrolliert.

Wenn die Initiative angenommen wird und in zehn Jahren alles umgestellt sein wird, dann werden doch unsere Lebensmittel deutlich teurer, was noch mehr Menschen zum Einkaufstourismus verleiten könnte. Wie sehen Sie das?

Perrochet: Nein, nein, nein. Die Verschmutzung der Rhône, die Verschmutzung des Grundwassers ... was kostet das? Das wissen wir noch nicht. Die Schweiz subventioniert sehr viel, zum Beispiel Studium, Krankenversicherung, Ferienlager etc. Vielleicht wird auch mal das Essen für gewisse Menschen subventioniert, bei denen das Geld knapp ist. Aber man kann sich fragen wo das Subventionieren am besten ist. Als Initiant hat man nicht alle Lösungen parat, dafür das haben wir Parlamentarier.

Mitchell: Zur Preisdifferenz zwischen biologischen Nahrungsmitteln und den anderen: Ich möchte sagen, dass es drei Gründe dafür gibt. Der erste Grund sind die Produktionskosten. Sie können oder können nicht höher sein. Das kann von mehreren Dingen abhängig sein, z.B. wie effizient ein Landwirt arbeitet. Das ist ein Teil. Der zweite Teil ist die Logistik. Es ist anders, ob nur 10% Marktanteil biologisch sind oder 100%. Das ist ein anderer Massstab. Man ist sehr viel effizienter und drückt die Kosten herunter. Aber bei weitem die grösste Preisdifferenz entsteht durch die Profitmargen der Verteiler. Das ist bekannt und dokumentiert und es ist skandalös, um wieviel höher die Margen auf Bioprodukte sind. Nicht die Margen bei den Landwirten, sondern im Detailhandel. Das ist der Grund, warum uns Coop und Migros nicht unterstützen. Sie haben ihre kleinen netten Marktanteile, die ihnen viel Geld einbringen. Ich denke, es ist genau umgekehrt. Wenn alle Lebensmittel ohne synthetische Pestizide produziert werden, dann sind sie für jede Person in der Schweiz zugänglich. Heute ist es ein Luxus von ein paar Glücklichen und das ist nicht akzeptierbar und wenig demokratisch.

Perrochet: Wir hatten im November 2018 in Bern ein Treffen, vom FiBL organisiert, mit einem Kaufmännischen Leiter der Migros und mit dem Titel: Die Schweiz 100% Bio? Der Verkaufschef von der Migros war dort, und er hat gesagt: «Mehr als 20% Biowaren in unseren Läden ist nicht nötig! 80% von unserer Kundschaft schauen auf den Preis.» 20% Bio seien völlig genug, um Profit zu machen. So kann man  den Menschen zeigen, dass man etwas für die Umwelt macht, und mehr sei nicht nötig. Das musste ich mir aufschreiben, so skandalös fand ich das.

Haben Sie mit Ihrer Initiative Unterstützung von bekannten Persönlichkeiten?

Perrochet: Es kommt langsam. Hier in der Schweiz braucht alles viel Zeit.

Mitchell: Bis jetzt konnten uns noch nicht viele antworten. Unsere Initiative wurde nicht in Zusammenarbeit mit einer Partei kreiert, aber wir freuen uns natürlich über jede Unterstützung. Wir haben Unterstützung von Individuen aus dem gesamten Spektrum, aber bis jetzt noch nicht von den Parteien.

Perrochet: Claude Nicollier (Schweizer Astronaut) und Jean Studer (Präsident der Schweizer Nationalbank) sind bekannte Persönlichkeiten, die unsere Initiative unterstützen, neben vielen anderen Personen. Wir haben zu Beginn alle Parteichefinnen und Parteichefs angefragt. Dann kam die Trinkwasserinitiative, und viele Organisationen wie Greenpeace oder WWF sagten, die sei gut und unterstützten diese. Aber heute kommen sie, sogar der SBV Präsident Markus Ritter, und sagen, unsere Initiative sei besser, weil sie konsequenter sei.

Mitchell: Und die Effekte werden wirklich garantiert sein und das ist wichtig.

Perrochet: Wir wollen und werden einen Wechsel haben. Bei der Trinkwasserinitiative ist es anders, da gibt es keine Garantie. Unsere Initiative ist einfach, ganz simpel. Aber erst jetzt wird es bemerkt!

Mitchell: Weil viele den Text bislang nicht gelesen haben.

Perrochet: Wegen des Corona Virus ist nun alles verschoben worden. Der Bundesrat hätte gerne, dass die Abstimmung vor der Diskussion zur AP22+ stattfindet, aber weil es vom Ständerat so ernst genommen worden ist, ist die Abstimmung verschoben worden. Dann noch die Aktualität mit dem Thema Gewässerverschmutzung, Chlorothalonil , Monsanto-Paper, etc. All das arbeitet für uns. Das ist gut für uns.

Mitchell: Jeder wird sagen, wir verstehen es gibt ein Problem und wir wollen etwas dagegen tun. Aber wenn man dann sieht was sie vorschlagen, alles was sie wollen ist das Risiko minimieren und die Massnahmen überprüfen. Das ist gar nichts! Es ist nur verwässert, es hat keine Auswirkungen, es gibt keine Garantien.

Perrochet: Die Parlamentarier wollen nur eine Reduktion des Risikos. Aber das haben wir doch vorhergesehen, wir müssen das nicht reduzieren, wir müssen das Risiko ausschalten. Es reicht so nicht. Mit der Hormonproblematik kann man nur sagen: entweder oder.

Mitchell: Ein Punkt ist noch wie man das messen kann. Wenn man die Dokumente vom Bundesamt für Landwirtschaft sieht, schreiben sie immer über Tonnen an Pestiziden. Man kann es aber nicht vergleichen, so wie: Wie viele Bomben hast Du benutzt? Eine ist eine Atombombe und eine andere ist eine «normale» tödliche Bombe.

Perrochet: Es wird nicht über die Toxizität geredet. Aber das Problem ist die Giftigkeit, nicht die Menge. In Frankreich ist die Krankheit Parkinson als Berufskrankheit der Landwirte akzeptiert. Auch Alzheimer steht in Zusammenhang mit Glyphosat. 10% der Landwirte sind betroffen. In der Schweiz weiss man es nicht, weil es nicht untersucht wird. Und wenn man nicht sucht, dann findet man auch nichts.

Wie Edward Mitchell und Jean-Denis Perrochet zum Initativkomitee kamen, was die Initiative für Auswirkungen auf die Gesellschaft haben wird und ob die Umsetzung der Initative gegen geltendes WTO-Recht verstösst, lesen Sie in der Print-Ausgabe von Samstag, den 8. August.

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