11.10.2018 10:26
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Verband
«BEBV gegen Direktzahlungssenkung»
Hans Jörg Rüegsegger, Präsident des Berner Bauernverbandes (BEBV), nimmt in einem Interview mit schweizerbauer.ch Stellung zur «10 vor 10»-Sendung. Aussagen von BEBV-Geschäftsführer Andreas Wyss haben für viel Wirbel gesorgt.

«Schweizer Bauer»: Viele kleinere und mittlere Berner Bauern sind seit der Sendung «10 vor 10» verunsichert und fragen sich, wofür sie eigentlich Beiträge an den BEBV bezahlen. Was tun Sie gegen diese Unsicherheit?
Hans Jörg Rüegsegger: Dort, wo wir die Unsicherheit direkt vernehmen, nehmen wir Kontakt auf und geben direkte Rückmeldungen, sei es über Mail, WhatsApp oder Telefon. Zudem werden wir vermehrt mit den Bauernvereinigungen der verschiedenen Regionen das Gespräch suchen. Unsere Leistungen für alle Berner Bauernbetriebe sind unverändert wichtig.

Haben Sie das Interview gegenüber der Sendung «10 vor 10» abgesegnet? 
Am Morgen erhielten wir eine Anfrage von 10 vor 10 für einen Beitrag. Ich habe einem Beitrag zugestimmt, in dem es darum gehen sollte zu betonen, dass wir für die Bauern einen Mehrwert, Beispiel IP-Suisse-Weizen für Brot, durch höhere Produkterlöse anstreben. Diese Stellungnahme in Bezug zu den im 2017 gestiegenen landwirtschaftlichen Einkommen, ist in der Berichterstattung untergegangen.

Und die Stellungnahme auf der Webseite?
Die habe ich so veranlasst. 

Werden Sie bezüglich Kommunikation das Zepter künftig selbst in die Hand nehmen?
Bis auf Weiteres bin ich für Medienanfragen und Auftritte zuständig. Zumindest für die nächste Zeit. 

Warum wurde am vergangenen Mittwoch schriftlich gesagt, dass Direktzahlungen gesenkt werden sollen, wenn die Preise steigen?
Der BEBV ist gegen eine Senkung der Direktzahlungen. Wir wollen einen Mehrerlös über die Produktepreise realisieren. Die Bauern sollen vom Erlös ihrer Produkte leben können, nur das ist auf lange Frist nachhaltig. Es ist aber auch ganz klar, dass wir erst über eine Anpassung der Direktzahlungen sprechen können, wenn sich die Situation für die Landwirte radikal geändert hat. Das Ziel ist es in erster Linie, nicht noch abhängiger zu werden. 

Was sagen Sie zur Höhe der Direktzahlungen?
Die Leistungen sind vor fünf Jahren so bestellt worden, politisch gewollt, mit dem dazugehörenden Preis. Jedes Jahr wurden mit einem Verordnungspaket Änderungen vorgenommen, und die Direktzahlungen sind laufend angepasst worden. Ständig kommt es zu Änderungen der Spielregeln während des Spiels. Wir haben keine Freude mehr daran. Das Direktzahlungssystem führt uns im Moment in eine Sackgasse. Direktzahlungen wird es dennoch weiterhin brauchen. Wenn der Bund zum Beispiel einen Auftrag an ein Bauunternehmen vergibt, werden dessen Leistungen ja schliesslich auch bezahlt. 

Was sagen Sie zum Schweizer Grenzschutz?
Meiner Meinung nach braucht es auch in Zukunft einen angemessenen Grenzschutz. Das Problem bei den Gegnern des Grenzschutzes ist, dass sie immer nur die Urproduktion anschauen und die vorgelagerte und nachgelagerte Branche komplett vergessen. 

Was sagen Sie zur aktuellen Einkommenssituation?
Die Zahlen, die in der Presse kommuniziert worden sind, sind verdreht worden. Die Arbeit der Bäuerin oder der zweiten Arbeitskraft wird zu wenig berücksichtigt. Das bäuerliche Einkommen liegt mit 44000 Fr. je Arbeitskraft immer noch deutlich unter dem Durchschnittseinkommen. 

Was sind die Ansätze des Berner Bauernverbandes, um den Arbeitsverdienst der Bauernfamilien zu verbessern?
Eines der obersten Ziele ist es, wirtschaftlich und sozial gesunde Familienbetriebe zu haben. Wir werden uns vermehrt dafür einsetzen, dass der Arbeitsverdienst über  die verkauften Produkte zustande kommt. Im Kanton Bern gibt es dafür bereits einige gute Beispiele wie «100 Prozent Bärn» mit IP-Suisse-Weizen für Brot oder «Eigermilch» Grindelwald. Die vorhandenen Potenziale müssen Schritt für Schritt besetzt werden und die Bauern müssen sich den Mehrwert am Markt bzw. bei den Konsumenten holen, die bereit sind, den Mehrpreis zu zahlen. 

Wie sehen Sie die unterschiedlichen Situationen von Landwirtschaftsbetrieben in Berg- und Talregion?
Wir sprechen nicht von Berg und Tal, gross und klein, Bio oder ÖLN. Wir sprechen von erfolgreichen Betrieben, und erfolgreiche Betriebe sind Betriebe, die vom Erlös ihrer Produkte leben und die sich weiterentwickeln können. Wenn auch der soziale Faktor entsprechend berücksichtigt wird, wenn von Freizeit geredet werden kann. Für uns sind die Grösse und die SAK nicht der entscheidende Faktor. Die Fragen sind: Wo liegt der Betrieb, was hat er für ein Potenzial? Hat er den nötigen Produkterlös? Jeder Betrieb hat andere Rahmenbedingungen. Die Stärken des Betriebsleiters sind entscheidend.

Worin bestehen die Chancen für die Berner Landwirtschaftsbetriebe?
Das ist eine kurze Frage für grosse Herausforderungen. Wir sehen bereits heute, dass es Regionen gibt, die gut unterwegs sind, der Markt läuft nicht überall schlecht. Trotzdem sehen wir die jeweilige Branche in der Pflicht, zum Beispiel im Industriemilchsektor, die drei grossen Abnehmer in der Region Bern (Emmi, Cremo und Nestlé), einen nachhaltigen Milchpreis zu zahlen. Damit wäre vielen Bauern geholfen. Die Bauern und Bäuerinnen sind bei den künftigen Herausforderungen wie Trinkwasser- und Massentierhaltungsinitiative die Lösung, nicht das Problem.

Wie sieht das künftige Verhältnis zwischen Berner Bauernverband und Avenir Suisse aus?
Wir hatten mit Avenir Suisse dreimal Kontakt, von einer Zusammenarbeit wie ich es mir mit richtigen Partnern vorstelle, kann nicht die Rede sein. Wir distanzieren uns ganz klar von Avenir Suisse, insbesondere von ihrem Bericht, in welchem die Landwirtschaft einseitig dargestellt ist und worin sie regelrecht auseinandergenommen worden ist. Das hat uns gezeigt, dass kein Respekt für die Bauernfamilien, für ihre täglichen Leistungen und für ihre Arbeit vorhanden ist.


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