2.10.2014 16:57
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Verdingkinder
500 Soforthilfe-Gesuche von Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen
500 Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen haben den Bund bereits um finanzielle Unterstützung aus dem Soforthilfefonds gebeten. Bis Ende Oktober können 300 dieser Gesuche behandelt werden. Zuerst kommen Personen zum Zug, die gesundheitlich angeschlagen oder in einer finanziellen Notlage sind.

Gesuchsteller dürften innerhalb von drei bis vier Monaten mit einem Entscheid rechnen, wie es in der Mitteilung des Bundesamts für Justiz (BJ) vom Donnerstag heisst. Die Berechtigten haben bisher im Durchschnitt je 20'000 Franken aus dem Fonds erhalten, sagte Luzius Mader, Delegierter für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und stellvertretender BJ-Direktor, gegenüber der sda. Die Höhe der Zahlung richtet sich nach der finanziellen Situation und den konkreten Bedürfnissen.

Teil von Massnahmenpaket

Der Soforthilfefonds ist Teil des Massnahmenpakets, mit der die dunkle Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in der Schweiz aufgearbeitet wird.

Im April 2013 hatte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Namen des Bundesrats für das Leid entschuldigt, das den Betroffenen angetan worden ist. Es handelt sich um schätzungsweise 10'000 bis 15'000 Personen. Sommaruga setzte einen Runden Tisch aus Betroffenen und Vertretern von Behörden und verschiedener Organisation ein, um Massnahmen auszuarbeiten.

Geste der Solidarität

Die Soforthilfe geht an Personen, deren persönliche Integrität durch eine vor 1981 angeordnete fürsorgerische Zwangsmassnahme verletzt worden ist und die sich heute in einer finanziellen Notlage befinden. Der Soforthilfefonds zahlt jedoch keine Entschädigung, vielmehr handelt es sich um eine Geste der Solidarität.

Der Fonds wird von der Glückskette verwaltet und von Kantonen, Städten und Gemeinden, anderen Institutionen sowie Privaten auf freiwilliger Basis unterstützt. Insgesamt sollen 7 bis 8 Millionen Franken zur Verfügung gestellt werden.

Entschädigungen könnten dereinst aus einem Solidaritätsfonds fliessen. Dafür muss aber zuerst eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden, was mehrere Jahre dauern dürfte. Parallel dazu werden derzeit Unterschriften für eine Initiative gesammelt, die einen mit 500 Millionen Franken dotierten Wiedergutmachungs-Fonds verlangt.

Weggesperrt, fremdplatziert, adoptiert gegen den Willen der Mutter

In der Schweiz leben zwischen 15'000 und 25'000 Personen, die von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen betroffen waren. Dies schätzt der Runde Tisch, der seit Juni 2013 mit der Aufarbeitung des Themas beauftragt ist.Administrative Versorgung

Betroffen von den Massnahmen waren verschiedene Personengruppen. Die sogenannte  wurde noch bis 1981 durchgeführt. Jugendliche und Erwachsene wurden dabei für unbestimmte Zeit zur «Nacherziehung» oder «Arbeitserziehung» in geschlossene Institutionen eingewiesen. Ein Gerichtsurteil oder Rekursmöglichkeiten gab es nicht.

Fremdplatzierungen

Männer wurden vor allem administrativ versorgt, weil sie keiner geregelten Arbeit nachgingen oder «trunksüchtig» waren. Frauen wurden unter anderem weggesperrt, wenn sie ein uneheliches Kind hatten.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Fremplatzierungen vorgenommen. Betroffen waren Kinder und Jugendliche aus armen Familien, Waisen, Halbwaisen und unehelich geborene Kinder. Sie wurden als Verdingkinder in Bauernfamilien untergebracht oder als Heimkinder in geschlossenen Institutionen. Nicht wenige wurden dabei Opfer von Gewalt und Missbrauch. Zwangssterilisationen, -kastrationen und Zwangsabtreibungen wurden in der Schweiz bis in die 1970er Jahre durchgeführt.

Die Eingriffe wurden zwar nur mit Einwilligung der Betroffenen durchgeführt. In vielen Fällen wurde aber Druck ausgeübt. So wurde etwa damit gedroht, dass bei einer Weigerung keine Unterstützungsleistungen mehr gezahlt werden.

Zwangsadoptionen

Ebenfalls bis in die siebziger Jahre wurden  durchgeführt. Mütter wurden gegen ihren Willen gezwungen, ihre Neugeborenen wegzugeben. Gründe dafür waren etwa, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen stammten, dass sie minderjährig oder ledig waren.

Auch Fahrende waren von Zwangsadoptionen betroffen. Zwischen 1926 und 1973 hat das private Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» mit behördlicher Unterstützung über 600 jenische Kinder ihren Eltern weggenommen. Die Kinder wurden zur Adoption freigegeben und von ihren Eltern und Geschwistern isoliert. Fälle von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch waren keine Seltenheit. sda

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