10.09.2015 11:38
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Brasilien
Indianerstamm kämpft gegen Holzmafia
Über das Tempo der Erderwärmung entscheidet auch die «grüne Lunge», der Regenwald im Amazonasgebiet. Obwohl bis Dezember ein Weltklimavertrag stehen soll, nimmt die Abholzung wieder zu - und verdrängt Indianerstämme wie die Ka'apor. Die greifen nun zu neuen Methoden.

Der Baum ist verloren, er liegt vor Miraté. Der Indianer rammt seine Machete in den Stamm. «500 Jahre Geschichte», sagt er ehrfürchtig. Illegal geschlagen, das Fava-Holz sollte als edles Tropenholz verkauft werden. Vielleicht für Terrassen in der Schweiz?

Wie viel Geld sich damit machen lässt? «Unbezahlbar», sagt Miraté. «Der hat so ein langes Leben, der Baum war für so viele Vögel eine Heimat.» Und dann meint Miraté, einer der Anführer der Ka'apor-Indianer: «Wir gehen doch auch nicht in die Stadt und stehlen die Sachen der Leute dort.»

Tiefes Misstrauen gegen Weisse

Ka'apor heisst: «Bewohner des Waldes». 2000 Ka'apor gibt es noch, ihr Land ist etwa so gross wie das Wallis: 5300 Quadratkilometer. Das macht es so schwer kontrollierbar. Noch nie fühlten sich die Ka'apor in ihrer 300-jährigen Geschichte so bedroht. Dabei schützt ihr behutsamer Umgang mit der Natur auch das Klima, denn der Regenwald bindet viel Kohlendioxid und reguliert das Weltklima.

Die Indianer zu erreichen ist beschwerlich, erst nach langen Diskussionen willigten sie ein, die Besucher zu empfangen - das Misstrauen gegen Weisse sitzt tief. Sie fühlen sich vor allem vom brasilianischen Staat im Stich gelassen. Im April wurde einer der Anführer, Eusébio, ermordet, offiziell wurde es als Raubüberfall deklariert. Eusébio ist der vierte tote Ka'apor seit 2011. Zudem haben sie 15 Todesdrohungen registriert. Daher sind die Namen hier nicht ihre echten; und die Anführer dürfen nicht auf Fotos erkennbar sein.

Begehrtes Ipé-Holz

Von São Luis, der Hauptstadt des ärmsten Bundesstaates Maranhão, geht es acht Stunden Richtung Amazonasgebiet. Zum Schluss schlagen die Äste gegen den Jeep, es wackelt, tiefer Busch. Und dann eine freie Fläche: Gerodetes Land, zwei Lagerfeuer glimmen in der Nacht, Hunde kommen bellend angerannt. Rund 8 Prozent der Fläche im seit 1982 unter Schutz stehenden Ka'apor-Land wurden schon gerodet. Hier wächst auch der Ipé, dessen Holz bis zu 1500 Franken je Kubikmeter bringt.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff will die illegale Abholzung erst bis 2030 auf null zurückfahren. «Dies ist ein realer Anreiz für die Holzmafia und die Rinderfarmer, ganz schonungslos weiter den Wald zu roden», meint der Amazonas-Koordinator von Greenpeace, Oliver Salge.

Baum soll Land nicht verlassen

Es geht hier auch um die grosse Frage, ob Klimaschutz wichtiger ist oder Profit. Die Ka'apor klagen, Polizei und Bürgermeister der ihr Gebiet umschliessenden Gemeinden würden fragwürdige Landtitel akzeptieren und nichts gegen die illegale Abholzung machen. Den Kontakt zur Indianer-Schutzbehörde (FUNAI) haben sie weitgehend abgebrochen, was es aber schwerer macht, sich zu versorgen und ein gutes Bildungs- und Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten.

Um vier Uhr morgens geht es los, rund 20 Mann, die meisten tragen den Cocar, den Federschmuck mit blauen, roten und gelben Vogelfedern. Sie haben sich schwarze Striche ins Gesicht gemalt. Sie sind auf Mission. Der gefällte Fava-Baum soll ihr Land nicht verlassen und zu Geld gemacht werden. Notfalls wird er verbrannt. So wie schon zehn Lastwagen von gewaltsam vertriebenen Holzfällern. «Mein Vater ist ermordet worden, aber wir führen diese Mission zum Schutz des Waldes fort», sagt der Sohn des ermordeten Eusébios.

Holzfäller meist schneller

Bei einem verbrannten Holz-Schlepper greifen die Ka'apor Maturiá und Tadiun zur Asche, halten sich einen Spiegel vor das Gesicht und malen sich damit komplett schwarz an. «Das gibt uns neue Energie und Kampfesmut», sagt Maturiá. Aber weil es den Indianern an Fahrzeugen mangelt, sind die Holzfäller meist schneller und schlagen irgendwo neue Schneisen.

Wie verzweifelt der Stamm ist, zeigt ein Hilferuf ausgerechnet an die Weissen, an die Umweltschützer von Greenpeace. Die haben für 22'000 Reais (5600 Franken) Kameras und zwei Laptops zur Verfügung gestellt. Die Einweisung in die den Ka'apor völlig fremde Technik gestaltet sich aber schwierig, das Auslesen der Kamerachips hat seine Tücken. Die Kameras werden an Routen der Holzdiebe angebracht. Statt Lastwagen zu verbrennen, sollen die Ka'apor heimlich GPS-Chips in den Lastwagen installieren, um den Weg des Holzes verfolgen zu können.

Druck auf Regierung aufbauen

Der Konflikt mag im globalen Massstab unwichtig erscheinen. Aber er ist ein Pars pro Toto - in geschützten Waldzonen Brasiliens könnten angesichts der Wirtschaftskrise bestehende Verbote für die Holz-, Agrar- und Rohstoffindustrie aufgeweicht werden. Landesweit wurde seit 1988 schon eine Regenwaldfläche vernichtet, die der doppelten Grösse Deutschlands entspricht - und alleine in den vergangenen zwölf Monaten eine Fläche fast so gross wie das ganze Ka'apor-Gebiet.

«Wir wollen den Druck auf die Regierung erhöhen, dass sie nicht nur hier, sondern überall gegen illegale Holzfäller vorgeht», sagt Tica Mamani vom Greenpeace-Amazonasprogramm. Die Ka'apor haben sich zur besseren Überwachung ihres Gebiets aus zehn Dörfern in 18 kleinere Dörfer aufgeteilt.

«Wald ist unser Zuhause»

Hier in der neuen Siedlung Jaxipuxirenda gibt es keinen Strom, keine Toilette, geschlafen wird in der Hängematte. In selbstgestalteten Schulheften werden alle Bäume, Pflanzen und Tiere in der eigenen Sprache gelernt, viele Stammesangehörige können kein Portugiesisch. Weil in den 80er-Jahren nach einer Masernepidemie viele taubstumme Kinder geboren wurden, haben sie zudem eine eigene Zeichensprache entwickelt. Es gibt Polygamie, die Männer haben nach Möglichkeit zwei Schwestern als Ehefrauen.

Alle Entscheidungen werden von einem Rat getroffen. Alkohol ist verboten, privaten Besitz gibt es quasi nicht. Sozusagen die gelebte Antithese zum Kapitalismus. Zum Schluss noch einmal ein Treffen mit Miraté. Gerade habe es eine neue Todesdrohung gegeben, sagt er. «Wir haben keine Angst. Aber warum werden wir nicht geschützt?» Die Ka'apor könnten halt schlecht woanders hin, sagt er. «Der Wald ist unser Zuhause.»

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