15.11.2013 09:26
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Forschung
Kulturpflanzen: Forscher zeigt Geschichte auf
Wir essen jeden Tag davon und wissen doch fast nichts darüber: Die Geschichte von Grundnahrungsmitteln wie Getreide kennt kaum jemand. Eine Schriftenreihe über Kulturpflanzen in der Schweiz schafft Abhilfe.

"Wir zeigen gerne die Brotvielfalt in der Schweiz", sagt Peer Schilperoord, "vergessen aber dabei die Vielfalt der Getreidepflanzen." Und genau diese Vielfalt steht seit 30 Jahren im Zentrum von Schilperoords Arbeit. Der Biologe beschäftigt sich auch intensiv mit dem Bergackerbau.

Und das nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch: Elf Jahre lang war Schilperoord Geschäftsführer von Gran Alpin – einer kleinen, aber feinen Genossenschaft, die aus dem Bio-Berggetreideanbau in Graubünden ein Vorzeigeprojekt gemacht hat. Bei der Wahl von geeigneten Sorten floss Schilperoords Fachkenntnis über alte Getreidesorten ein.

Mythos Landsorten

Das ist es auch, was die Schriftenreihe spannend macht: Die Verbindung von wissenschaftlichen und kulturhistorischem Hintergrund mit der Gegenwart. Zum Beispiel wenn es um Landsorten geht: Die werden gerne als besonders robust angesehen. Ein Irrtum, wie Schilperoord erklärt: "Wenn man heute von Landsorten redet, meint man meistens Einzelexemplare, die sich in der Genbank befinden." Die ursprünglichen Landsorten bestanden aber aus einem Gemisch von Pflanzen, die sich in Eigenschaften wie Begrannung, Frühreife oder Krankheitsresistenz deutlich unterschieden.

Diese Verschiedenheit sicherte den Bauern den Ertrag, weil je nach Witterungsverlauf die eine oder andere Eigenschaft von Vorteil war. Die "verbesserten Landsorten", welche später die ursprünglichen Landsorten ablösten, waren jedoch einheitlich. Die Züchter lasen vor allem jene Pflanzen aus, die möglichst viele gute Eigenschaften in sich vereinten.

Doch sowohl die ursprünglichen, als auch die veredelten Landsorten, machten die Entwicklung der Landwirtschaft in den letzten 100 Jahren nicht mit. Sie sind zu standschwach, neigen zur Lagerung, und ihre Körner fallen aus, bevor der Mähdrescher sie erfasst. Sie können deshalb heute nicht mehr angebaut werden. Man kann die Vielfalt jedoch nutzen, um damit moderne Sorten weiterzuentwickeln.

Dinkel: Anders als man denkt

Beim Dinkel räumt Schilperoord ebenfalls mit gängigen Vorurteilen auf: Dieses Getreide ist nicht, wie viele vermuten, ein Vorläufer des Brotweizens, sondern aus einer Kreuzung von Brotweizen mit Emmer entstanden. Schilperoord: "Der europäische Dinkel ist damit das einzige Getreide, das in West-Europa entstanden ist." Bis ins 19. Jahrhundert war Dinkel in vielen Regionen das wichtigste Getreide überhaupt. Danach versank er in die Bedeutungslosigkeit, von der er sich in den letzten Jahren langsam wieder erholt.

Viele Konsumentinnen und Konsumenten schätzen das Urtümliche am Dinkel, das eigentlich vom Emmer stammt. Immerhin verfügt die Schweiz über eine Sammlung von Dinkel-Landsorten, die von weltweiter Bedeutung ist. Die Schriftenreihe hilft diese Sammlung einzuordnen. Schilperoord: "Sie ist wie ein Führer durch die Sammlung in der Genbank." Und zum Glück für alle Leser liefert sie selbst komplexe Zusammenhänge in leicht verständlicher Form.

Wo gibts die Hefte zu bestellen?

Die ersten Hefte über Weizen und Dinkel liegen bereits auf Deutsch und Französisch vor, Gerste ist in Vorbereitung, Mais und Kartoffeln werden folgen. Die einzelnen Hefte können über den Buchhandel bestellt oder direkt beim Verein für alpine Kulturpflanzen bezogen werden: schilperoord@bluewin.ch

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