3.07.2019 07:01
Quelle: schweizerbauer.ch - sum
Pflanzenschutz
«Schweiz ohne Herbizide» als Vision
Rasche Erfolge bei der Reduktion der Pestizidbelastung sind möglich. Eine Zukunft ohne Belastung durch Pestizide braucht laut dem FiBL jedoch andere, aufwendige, aber realisierbare Lösungen im Agrarökosystem.

Wissenschaftler des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) haben gestern das Thema Pestizide auf Lösungsansätze abgeklopft. Ihr Fazit in vier Punkten:

  • Das Reduktionspotenzial bei den chemisch-synthetischen Pestiziden ist hoch: Teilschritte sind sofort umsetzbar. Die Praxis und die Forschung im Biolandbau zeigen, dass Herbizide mit modernsten Geräten, mit Mischkulturen und mit Bodenbedeckungen vollständig ersetzt werden können. «Schweizer Landwirtschaft ohne Herbizide» wäre eine für die Praxis, die Alleinstellung am Markt und die Agrarpolitik interessante Vision. Zu deren Realisierung das FiBL mit seiner Expertise einen Beitrag leisten will.

  • Nachhaltige, praxistaugliche Lösungen sind Lösungen im System: Ein vorbeugender Pflanzenschutz ist ohne Systemeffekte durch vielgliedrige Fruchtfolgen, Mischkulturen, Buntbrachen und Hecken, Blühstreifen oder ertragsneutrale Restverunkrautungen nicht praxistauglich. Dieser agronomische Realitätssinn muss das Ankünden von einfachen Pestizid-Lösungen ablösen. Bauern, Pflanzenschützer, Anbautechniker, Ökologen, Forscher und Berater sind nur vernetzt Teil der Lösung. 

  • Ohne standortgerechte Sortenwahl und Züchtung von neuen Sorten sind komplexere Krankheits- und Schädlingsprobleme insbesondere bei den Spezialkulturen nicht zu bewältigen: Neue Sorten brauchen Zeit und Geld. So auch Züchtungsprojekte wie verbesserte Krankheitstoleranzen beim Apfel. Projekte wie dieses zeigen den Weg, brauchen aber mehr Unterstützung und Nachahmer weltweit.

  • Höchst aufwendig ist die Entwicklung von alternativen, chemiefreien Direktmassnahmen: An direktem Pflanzenschutz ohne chemisch-synthetische Pestizide wird in der Schweiz sowohl am FiBL wie auch bei Agroscope seit 30 Jahren geforscht. Die Fülle an möglichen Lösungen wie natürliche Antagonisten (Insekten, Viren, Nematoden), Pflanzenextrakten oder natürliche Materialien (Tonmineralien, Milchextrakten etc.) ist riesig. Sie zu standardisierten Pflanzenschutzprodukten zu entwickeln, ist extrem teuer. Hier braucht es öffentliche und private Investitionen in die Forschung. Die Schweiz wäre prädestiniert, eine Spitzenposition einzunehmen. Die öffentliche Debatte um Pestizide zeigt zum Glück erste Ergebnisse. Denn mittlerweile zählt in der Europäischen Union die Hälfte aller Genehmigungsanträge für neue Wirkstoffe zu den biologischen Pflanzenschutzmitteln. Das zeigt das erkannte Potenzial.

Die Weiterentwicklung von vorbeugenden und direkten Pflanzenschutzmethoden ist dringlich, damit Ertragsverminderungen durch Verzicht auf Pestizide aufgefangen werden können. Die bisherige Finanzierung der Forschungs- und Entwicklungsarbeit am FiBL – ermöglicht durch Aufträge der Schweizer, der österreichischen und deutschen Regierungen, der Europäischen Union, von gemeinnützigen Stiftungen sowie von innovativen Firmen – bringt eine kontinuierliche Verbesserung der landwirtschaftlichen Ertragssicherheit, der Umwelt und der Lebensmittelqualität. Um die notwendige grosse Wirkung zu erzielen, ist die Forschung und Entwicklung für biologische Pflanzenschutzlösungen in Zusammenarbeit insbesondere auch mit Industriepartnern voranzutreiben. 

Grosse Auswahl an Kulturen nötig

Die Pflanzenzüchtung hat laut Monika Messmer vom FiBL ein grosses Potenzial, die Nahrungsmittelproduktion nachhaltiger zu gestalten und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Um eine wettbewerbsfähige und ökologisch verträgliche Schweizer Lebensmittelproduktion sicherzustellen, wurden daher zusammen mit verschiedenen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette die Züchtungsstrategie 2050 des Bundes und ein Massnahmenkatalog zur Umsetzung erarbeitet. 

Der Biolandbau ist jedoch viel mehr als alle anderen Anbausysteme auf eine grosse Auswahl an Kulturarten und angepasste Sorten angewiesen, die speziell an die geschlossenen Kreisläufe und selbstregulierenden Systeme des Biolandbaus angepasst sind und den Ansprüchen der Konsumenten nach gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen und Geschmack gerecht werden. Neben den Resistenzen gegen eine Vielzahl von Pilzen und Schadinsekten spielen vor allem auch Resistenzen gegen samen- und bodenbürtige Krankheiten sowie die Unkrautunterdrückung eine grosse Rolle, da im biologischen Anbau keine Beizmittel oder Herbizide eingesetzt werden.

Ausserdem müssen die Sorten mit der zeitweise limitierenden Freisetzung von Nährstoffen aus organischen Dünger zurechtkommen. Daher ist die Züchtung speziell für den Biolandbau eine wichtige Kernmission des FiBL, die in den letzten zehn Jahren massiv ausgebaut worden ist. Das Konzept der Biozüchtung basiert auf der Stärkung der Resilienz des ganzen Anbausystems durch Förderung der Biodiversität. sum

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