21.10.2020 10:00
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Zuckerrüben
Rübenbauern fordern temporäre Wiedereinführung
Zuckerrübenbauern fordern die vorübergehende Wiedereinführung des Insektizids «Gaucho». Imker und Umweltschützer stellen sich dem vehement entgegen. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) könnte bis Ende des Monat einen Entscheid dazu fällen.

Die Schweizer Zuckerrübenbauern forderten Anfang September gleich lange Spiesse mit dem Ausland. Ihre Rüben werden von einer virösen Vergilbung heimgesucht. Seit 2019 ist indessen die Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide verboten. Die Landwirte in zehn Ländern der Europäischen Union (EU), darunter Frankreich, haben nun eine Notbewilligung erhalten.

Grosse Ernteeinbussen

Die durch Blattläuse übertragene viröse Vergilbung verursache Ertragseinbussen von 30 bis 50 Prozent, erklärte Josef Meyer, Präsident des Schweizerischen Verband der Zuckerrübenpflanzer (SVZ), der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Die Blattläuse verursachen dabei nicht die grössten Schäden, aber sie übertragen ein Virus, das die Vergilbung der Pflanzen verursacht. Ein Teil der Deutschschweiz und die ganze Romandie seien betroffen, heisst es beim SVZ. Zur Bekämpfung er Blattläuse steht lediglich noch ein einziger Wirkstoff (Pirimicarb) für Flächenbehandlungen zur Verfügung.

In diesem Jahr geriet die Blattlauspopulation ausser Kontrolle. «Flächenspritzungen führen zu höheren Einsatzmengen und der Einsatz eines einzigen Wirkstoffes zu Resistenzen», mahnt der SVZ. In den kommenden Jahren müsse mit einer weiteren, starken Verbreitung der virösen Vergilbung gerechnet werden.

Sinkende Anbaubereitschaft

Wegen der tiefen Preise sind bereits in den vergangenen Jahre viele Landwirte aus der Rübenproduktion ausgestiegen. Die neue Krankheit könnte dazu führen, dass die Anbauflächen noch weiter sinken. Bereits in den letzten Jahren ist die Rübenfläche von 21'000 auf rund 18'000 Hektaren gesunken. Josef Meyer, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Zuckerrübenpflanzer (SVZ), rechnet nächstes Jahr mit 3'000 bis 4'000 Hektaren weniger Rüben, wenn nicht gehandelt wird. Noch kleinere Anbauflächen wären eine Bedrohung für die beiden Zuckerfabriken in Aarberg und Frauenfeld und damit die Schweizer Zuckerproduktion.

Bedrohte Zuckerindustrie

Die Anwendung von Neonicotinoiden im Zuckerrübenanbau ist in der Schweiz und in der EU seit dem 1. Januar 2019 verboten. Der SVZ ist der Ansicht, dass die von einigen EU-Ländern beschlossenen Sondermassnahmen die Schweizer Zuckerindustrie bedrohen. Die Schweizer Rübenbauern fordern deshalb ein Ende des Zuckerimports aus Zuckerrüben, die mit diesem Insektizid hergestellt wurden, und schlagen als Alternative eine dreijährige Zulassung von Neonicotinoiden vor.

Diese Übergangszeit sollte es ermöglichen, biologische Bekämpfungsmassnahmen, resistente Sorten oder alternative Wirkstoffe zu finden, so der SBF. Sein Präsident weist darauf hin, dass die Industrie sich verpflichten würde, keine Pflanzen auszusäen, die Blumen hervorbringen, die nach einer Rübenernte Bienen anziehen könnten.

BLW will Ende Monat Entscheid treffen

Die Wiedereinführung dieses Insektizids, das oft als «Bienentöter» bezeichnet wird, können die Imker nicht verstehen. Die Bienen würden zwar keine Rüben fressen, aber diese Produkte hätten eine hohe Persistenz. Sie blieben bis zu 90 Prozent im Boden, und das seien langfristige Risiken, denen die Bienen ausgesetzt seien, stellt Francis Saucy, Präsident der Vereinigung der Westschweizer Imker, fest. Diese Produkte seien giftig, das sei bewiesen.

BLW-Sprecherin Florie Marion erklärte, dass bereits mehrere Treffen mit den betroffenen Gruppen stattgefunden hätten. Das BLW suche nach der bestmöglichen Lösung. Bis Ende des Monats solle eine Entscheidung fallen.

2018 sprach EU Verbot aus

Von 1994 bis 2018 wurden Zuckerrübensamen mit Imidacloprid - dem Wirkstoff von «Gaucho» - behandelt, einem Insektizid aus der Familie der Neonicotinoide, das von den Keimlingen aufgenommen und in der Pflanze verteilt wird.

2018 hat die EU ein Verbot von Neonicotinoiden zur Saatgutbeschichtung erlassen. Auch in der Schweiz sind diese Insektizide wegen ihres langsamen Abbaus im Boden und ihrer Toxizität für Bienen verboten. Es gibt derzeit keine alternativen Behandlungen oder Insektizide mit gleichwertiger Wirksamkeit.

Milder Winter fördert Virus

Die Viröse Vergilbung ist weltweit verbreitet und die wirtschaftlich bedeutendste Krankheit bei den Zuckerrüben. Das BYV (Beet Yellow Virus) genannte Virus wird von Blattläusen beim Saugen übertragen. In der Schweiz sei vor allem die grüne Blattlaus ein Problem, sagt Samuel Jenni von der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau. Dieser sei mit Nützlingen schwerer beizukommen als etwa der schwarzen Blattlaus. Weil der letzte Winter mild war, ermöglichte er den Blattläusen eine Lebendüberwinterung. Deshalb gab es die ersten Symptome für die Viröse Vergilbung in der Schweiz dieses Jahr bereits am 8. Juni im Chablais, so früh wie noch nie. In den westlichen Anbaugebieten dürften zwischen 80 und 90 Prozent der Felder befallen sein. Noch weniger verbreitet aber ebenfalls vorhanden ist das Virus östlich von Bern.

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