15.06.2017 11:36
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Pflanzenschutzmittel
«Ohne Pflanzenschutz keine Kartoffeln zum Raclette»
Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wurde in den vergangenen beiden Wochen insbesondere vom «Kassensturz» kritisiert. Das Bundesamt für Landwirtschaft verteidigt den Einsatz. Andreas Wyss, Geschäftsführer des Berner Bauernverbandes, ruft die Macher der TV-Sendung auf, nicht nur einseitig zu berichten. Mit Video

Die Konsumenten-Sendung «Kassensturz» des Schweizer Fernsehen (SRF) berichtete in beiden jüngsten Ausgaben ausführlich über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Vergangene Woche standen die Weinbauern in Wallis im Fokus.

Mindestabstände missachtet

Die Aussage des Kassensturzes: Im Wallis foutieren sich viele Winzer seit Jahren um den Gewässerschutz. Mittels Helikopter werden Pflanzenschutzmittel ausgebracht. Dabei werden Mindestabstände zu Hecken, Wäldern und Gewässern oft missachtet, so der TV-Sender.

Im Bach Tsatonire im Wallis wurden in einer Untersuchung 64 verschiedene Pestizide festgestellt. Vision Landwirtschaft hält dazu fest: Der Mindestabstand von 20 Metern zu Wäldern und Bächen werde systematisch missachtet.

«Wir halten die nötigen Abstände ein»

Der «Kassensturz» spricht mit einem Weinbauer, dessen Weinberg an ein Gewässer grenzt, über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Er spritze Herbizide auf den Boden, damit zwischen den Reihen kein Gras wachse. Dass die Mittel in die Gewässer gelangten, sei gar nicht gut. Eine Alternative zum Pestizideinsatz sehe er derzeit nicht.

Vergangenen Dienstag führte der «Kassensturz» seine Berichterstattung über den Pflanzenschutzmittel-Einsatz fort. Obstbauer Roland Müller aus dem Kanton Thurgau setzt bei seinen Apfelbäumen bei Bedarf Chemie ein. «Wir bringen die Mittel nach den Regeln aus, die uns vorgegeben sind. Wir halten die nötigen Abstände ein. Wir halten die Mittelwahl ein. Wie genau die Stoffe in den Bach kommen, ist mir ein Rätsel», sagt Müller dem TV-Reporter.

Ohne Pflanzenschutz Gemüseproduktion schwierig

Der «Kassensturz» fragte beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) nach. Sie ist Zulassungsbehörde für Pflanzenschutzmittel. Die Behörde berechnet für jedes Mittel das Giftrisiko. «Diese Werte, welche das BLW erstmals offengelegt hat, sind brisant», so die Wortwahl der Konsumentensendung. Sie würden weit über den maximal zulässigen Werten liegen. «Damit gefährden sie Wasserorganismen», warnt der «Kassensturz».

Nicht gefährlich, aber unerwünscht

Die gemessenen Stoffe im Gewässer sind nicht gefährlich, berichtet der "Kassensturz".. Unerwünscht seien sie trotzdem, sagt Kurt Seiler, Kantonschemiker des interkantonalen Labors Schaffhausen. «Sie kommen doch in recht hohen Konzentrationen vor, und sie sind sicher unerwünscht im Trinkwasser.» Zudem würden sich die Abbauprodukte im Boden anreichern.

Weshalb werden Pflanzenschutzmittel zugelassen, bei denen man aufgrund der Risiko-Berechnung weiss, dass sie den Grenzwert überschreiten werden? Das BLW verteidigt sich. «Wir wissen nicht, dass diese Stoffe den Grenzwert überschreiten werden. Das ist auch nicht immer der Fall. Wir wissen, dass das Potenzial dazu relativ hoch ist. Und dass wir hier in einem Risiko-Bereich sind, wo man zwei Mal hinschauen muss», sagt Eva Reinhard, stellvertretende Direktorin des BLW, gegenüber dem «Kassensturz».

Es gäbe Stoffe, die nicht zugelassen werden, bei anderen wäge man ab. «Wir schauen, welche Konsequenzen es hätte, wenn wir den Stoff der Landwirtschaft nicht zur Verfügung stellen würden. Es geht hier vor allem um Ertragssicherheit. Wir wollen unsere eigenen Obst- und Gemüsekulturen. Ohne Pflanzenschutzmittel ist das sehr schwierig», macht Reinhard deutlich.

Wyss stört einseitige Berichterstattung

Und hier meldet sich auch, Andreas Wyss, Geschäftsführer des Berner Bauernverbandes, via Facebook zu Wort. «Lieber Kassensturz. Ja, es gibt Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Oberflächengewässern. Und ja, diese stammen vermutlich von der Landwirtschaft», eröffnet Wyss die Videobotschaft.

Ihn stört bei der Berichterstattung, dass nicht vermittelt wird, weshalb die Bauern Pflanzenschutzmittel einsetzen. Wyss erklärt anhand der Kartoffeln, weshalb Landwirte, aber auch die Konsumenten, auf diese Mittel angewiesen sind. «Einerseits, dass überhaupt Kartoffeln gedeihen in einem Jahr wie 2016. Und andererseits, dass sie die Qualität aufweisen, welche die Konsumenten wünschen», macht der Geschäftsführer deutlich.

Lösungen statt Schlagzeilen

Man könne auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln schon verzichten. «Aber das Raclette gäbe es dann ohne Kartoffeln. Ich weiss nicht, ob wir dazu bereit wären», fährt er fort. Das Thema Pflanzenschutz sei komplex. «Wir benötigen Lösungen. Das Schwarz-Peter-Spiel, dass Ihr (Red. Kassensturz) betreibt, bringt uns nicht weiter», lautet die Botschaft. Das bringe gute Quoten, Lösungen suchen sei aber arbeitsintensiv, fährt Wyss fort.

Der Geschäftsführer bringt ein Beispiel für einen Lösungsansatz. So hätten die Berner Bauern zusammen mit dem Kanton und dem Bundesamt für Landwirtschaft das Pflanzenschutzprojekt ins Leben gerufen. Genau bei diesem Projekt wolle man Lösungen erarbeiten. «Konsumenten sind bisher nicht dabei. Kassensturz, das wäre doch etwas. Wir sprechen zusammen. Lösungen bringen uns weiter, Schlagzeilen nicht», schliesst Wyss seine Botschaft ab.

Bauernverband lädt Presse ein

Die Berichte über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft hat auch den Schweizer Bauernverband auf den Plan gerufen. Das Thema bewege, schreibt der Verband. Als Beispiel nennt er das Unkrautmittel Glyphosat, den Aktionsplan Pflanzenschutz des Bundes oder die beiden lancierten Volksinitiativen «Für eine Schweiz ohne Pestizide» und «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung».

Der Bauernverband will am kommenden Mittwoch in Ins im Berner Seeland über den Pflanzenschutzmitteleinsatz in der Schweizer Landwirtschaft informieren. Man scheue sich nicht vor einer kritischen Auseinandersetzung. Bei einer Flurbegehung haben die Medienschaffenden die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild über den Pflanzenschutzmitteleinsatz und seine Alternativen zu machen.

Pflanzenschutz-Projekt Kanton Bern

Im vergangene Jahr hat der Kanton Bern zusammen mit dem Berner Bauernverband und dem Bundesamt für Landwirtschaft ein Projekt zur «Verminderung von Nebenwirkungen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln» lanciert. Ziel ist, vor allem die Auswirkungen auf die Gewässer zu reduzieren. Die Kosten für das sechs Jahre dauernde Projekt betragen insgesamt 63 Millionen Franken. Davon trägt der Bund 80 Prozent (50,1 Mio. Fr.) und der Kanton Bern 17 Prozent (10.6 Mio. Fr.). Rund 2'600 Berner Landwirtschaftsbetriebe, 25 Prozent aller Betriebe, haben sich dafür angemeldet. In rund 4'900 Fällen wird auf den Einsatz von Herbiziden oder Insektiziden verzichtet. 

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Posted by Berner Bauern Verband on Mittwoch, 14. Juni 2017
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