18.07.2016 13:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Pflanzenschutzmittel
Nicht nur die Bauern spritzen
Nicht nur die Bauern, sondern auch Privatpersonen, Gartenbauer und die öffentliche Hand setzen Pflanzenschutzmittel ein. Mengenmässig macht der Anteil der nicht-landwirtschaftlichen Verwendung zwar wenig aus, dafür erfolgt der Einsatz oft nicht sachgerecht – bis hin zu rechtswidrig.

Dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln grösstenteils in der Landwirtschaft erfolgt, ist unbestritten und nachvollziehbar, schliesslich hängt der Flächenertrag von der Menge und Qualität der Ernte ab. Deshalb richtet sich der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel, den das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) kürzlich in Vernehmlassung gegeben hat, in erster Linie an die Bauern. Erfreulicherweise gingen aber auch die Privatpersonen nicht ganz vergessen.

100 bis 200 Tonnen in Gärten

Sie setzen jährlich schätzungsweise 100 bis 200 Tonnen Pflanzenschutzmittelwirkstoffe in ihren Gärten ein, was gemessen am Gesamtverbrauch von rund 2‘000 Tonnen wenig ist. Das Problem im Hobbybereich ist jedoch die unsachgemässe Anwendung. Bereits die Herstellung einer Spritzbrühe mit genau definierten Prozentsatz überfordert viele Hobbyanwender.

Deshalb sollen in naher Zukunft im Hobbybereich nur noch Mittel zugelassen werden, die einfach zu dosieren sind, wie BLW-Vizedirektorin Eva Reinhard erklärt: „Die Herstellerfirmen wurden aufgefordert, eine Liste von Produkten einzureichen, für welche sie den Einsatz im Hobbybereich beantragen. Diese Liste wird zurzeit geprüft. Einerseits hinsichtlich gewisser Anwendungskriterien, die eingehalten werden müssen, wie zum Beispiel der Dosierbarkeit. Andererseits werden sie auch hinsichtlich des Hobbyanwenderschutzes geprüft.“ Reinhard schliesst nicht aus, dass es künftig spezifische Auflagen für Hobbyanwender geben könnte.

Fehlendes Fachwissen

Giftige und sehr giftige Produkte sind im Hobbybereich schon heute verboten. Künftig sollen solche Mittel nur noch von professionellen Anwendern mit Fachausweis gekauft werden können, da es den Hobbyanwendern häufig an Fachwissen fehlt. So hat sich zum Beispiel bis heute noch nicht herumgesprochen, dass der Einsatz von Herbiziden (Unkrautvertilgern) auf unbewachsenen Wegen und Kiesflächen im Hausgarten bereits seit 15 Jahren verboten ist. Bekannt ist, dass es im privaten Bereich häufig Wahrnehmungsdefekte gibt.

Eine im letzten Jahr publizierte Studie hat beispielsweise gezeigt: Viele Bewirtschafter von Familiengärten behaupten zwar, biologisch zu gärtnern, setzen aber gleichwohl chemisch-synthetische Mittel ein, sobald ihr Gemüse von Schädlingen und Krankheiten befallen ist. Ob im jeweiligen Familiengartenareal biologische Bewirtschaftung vorgeschrieben ist oder nicht, kümmert sie dabei wenig. Ein Vorstoss gegen diese Vorschrift wird meistens als „Kavaliersdelikt“ angesehen, zumal die Vorschriften zur naturnahen oder biologischen Garten-praxis seitens der Vereine kaum kontrolliert und geahndet werden.

Vorschriften sind da – Kontrollen fehlen

Fehlende Kontrolle gibt es auch beim Unterhalt von öffentlichen Grünflächen. Eine vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2010 ergab, dass ein grosser Teil der Gemeinden auch mehr als zehn Jahre nach dem Anwendungsverbot von Herbizid auf Kieswegen und unbewachsenen Flächen diese weiterhin verwendet. In Friedhofsanlagen setzte sogar noch beinahe jede zweite Gemeinde weiterhin Herbizide ein. Das ist deshalb so bedenklich, weil Herbizide auf unbewachsenem Boden rasch ins Grundwasser gelangen.

Ohnehin sind die Verlustraten von im Siedlungsbereich eingesetzten Pflanzenschutzmittel laut Experten etwa um den Faktor zehn höher als in der Landwirtschaft. Das erklärt zumindest teilweise, warum Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in grösseren Mengen auch in Gewässern gefunden werden, die nicht im Zuflussbereich landwirtschaftlicher Flächen liegen. Dass auch im Wald, auf Golfplätzen und beim Gleisunterhalt des Schienenverkehrs Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, sei nur am Rande erwähnt.

BLW muss Prioritäten setzen

Dass sich der Aktionsplan trotzdem nur auf die Landwirtschaft begrenzt, erklärt Eva Reinhard mit den Vorgaben: „Aufgrund der im Bundesratsbeschluss gesetzten Fristen mussten im Aktionsplan Prioritäten gesetzt werden. Daher werden Anwendungen auf Golfanlagen und in der Forstwirtschaft im Aktionsplan nicht spezifisch behandelt.“ Sie verweist aber auf jene Massnahmen, die diese Bereiche wenigstens tangieren.

Dazu gehören die Weiterbildungspflicht für berufliche Anwender, die Kontrolle der Spritzgeräte auch ausserhalb der Landwirtschaft, strengere Anwendungsvorschriften zur Reduktion der Abschwemmung oder ein Anwendungsverbot entlang von Biotopen. Auch 200‘000 Franken für Aufklärung und Information sind im Aktionsplan vorgesehen. Nur für den Vollzug sind keine Gelder budgetiert. Denn der liegt in der Hoheit der Kantone.

Pflanzenschutzmittel sind überall

Der Hauptanwendungsbereich von Pflanzenschutzmitteln liegt in der Landwirtschaft. Auf Grünland, das ist der grösste Teil der Landwirtschaftlichen Nutzfläche, werden kaum Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Im Weinbau, Obstbau und Gemüsebau werden Pflanzenschutzmittel dagegen in vergleichbarer Intensität verwendet wie im produzierenden Gartenbau (Baumschulen, Zierpflanzen etc.). Bei der Pflege von Parks, Friedhöfen und Sportflächen kommen ebenfalls Spritzmittel zum Einsatz, ebenso in Privatgärten und bei der Pflege vom Umschwung. Statistiken über den Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln in den einzelnen Bereichen gibt es kaum. Eine Übersicht der Flächenverhältnisse erlaubt allenfalls eine Einschätzung der möglichen Grössenordnung. ed

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