3.04.2018 08:30
Quelle: schweizerbauer.ch - David Eppenberger, lid
Dossier Pflanzenschutz (9/11)
Konventionell greift zu Bio
Pflanzenschutzmittel stehen in der öffentlichen Kritik. Den Landwirten sichern sie seit Jahrzehnten ihre Ernten. Die zentralen Fragen sind: Was sind die Alternativen? Welche Rolle spielen die Abnehmer und die Konsumenten? Was würde der vollständige Verzicht auf den chemischen Pflanzenschutz bedeuten? Im elfteiligen Dossier werden verschiedene Thematiken rund um den Pflanzenschutz aufgegriffen. Im neunten Teil geht es um die Anbausysteme.

Der biologische Landbau verbietet den Einsatz von chemisch-synthetischen Spritzmitteln. Biobauern führen deshalb vielfältige Fruchtfolgen, setzen auf krankheitsresistente Sorten und oder lassen mehr Raum zwischen den Kulturen um diese vor Feuchtigkeit und Pilzkrankheiten zu schützen.

Die Erträge fallen dadurch tiefer aus und die übliche mechanische Unkrautbehandlung und mehr nötige Handarbeit sorgen für höhere Kosten. Deshalb sind Bioprodukte im Laden schlussendlich teurer als konventionelle Erzeugnisse.

Anbausysteme nähern sich an

Interessanterweise wird in den letzten Jahren eine Annäherung der beiden Anbausysteme beobachtet. Als Reaktion auf den verordneten Rückzug von Pflanzenschutzmitteln, die zunehmenden gesetzliche Restriktionen beim Pflanzenschutzmitteleinsatz oder überhaupt wegen dem gesellschaftlichen Druck, weichen immer mehr konventionelle Bauern auf biologische Pflanzenschutzmethoden aus.

Die im biologischen Landbau schon lange praktizierte mechanische Unkrautbekämpfung erlebt zurzeit auch in der übrigen Landwirtschaft ein Revival, unterstützt von neuen Technologien wie Robotern oder Drohnen. Das Potenzial für die Einsparung von Herbiziden ist beträchtlich.

Austausch findet statt

Nützlinge gegen Schädlinge sind heute in Gemüsegewächshäusern Standard. Konventionelle Landwirte verwenden immer mehr Pflanzenschutzmittel, die auch auf der Betriebsmittelliste des Forschungsinstitutes für biologischen Landbaus (Fibl) stehen.

Auch Biobauern kommen heute nämlich kaum ohne Spritzmittel aus, um ihre Ernten zu sichern. Die Wirkstoffe sind zwar aus Stoffen hergestellt, die sonst auch in der Natur vorkommen. Sie wirken letztlich genauso auf Schadorganismen wie die chemisch-synthetisch hergestellten Wirkstoffe.

Die Prognose ist zugegebenermassen gewagt: Doch in ein paar Jahren könnten die Anbausysteme komplett ineinander verflossen sein, mit dank Technologie nachhaltig, ökologisch und effizient produzierten Produkten zu anständigen Preisen.

Nachhaltiger Pflanzenschutz

In den letzten Jahren haben die Schweizer Bauern bereits zahlreiche Massnahmen vorgenommen, um den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren, wie folgende Beispiele zeigen.

 

  • Regendächer in Obst- und Beerenkulturen schützen die Früchte vor zu viel Feuchtigkeit und anderen äusseren Beschädigungen, die feuchtigkeitsliebenden Pilzkrankheiten als Eingangspforte dienen könnten. Zudem werden die Anlagen immer öfter mit Insektenschutznetzen ausgestattet.

  • Biologisch abbaubare Folien auf den Äckern verhindern durch Lichtentzug das Wachstum von Unkraut, Schutznetze bewahren die Kulturen vor dem Befall mit Schädlingen.

  • Mehr als die Hälfte der Obstbauern und viele Winzer setzen bei der Schädlingsbekämpfung auf Verwirrtechnik. Bei dieser werden artspezifisch weibliche Sexuallockstoffe im Pflanzenbestand abgegeben, welche die Männchen so stark verwirren, dass sie die Weibchen nicht mehr lokalisieren können. Als Folge schlüpfen weniger neue Schadinsekten.

  • Mit der Züchtung von gegen Krankheitsbefall oder Schädlinge resistenten Sorten kann das Problem an der Wurzel gepackt werden. Bei Kopfsalaten beispielsweise gibt es seit einigen Jahren blattlausresistente Sorten. Schorfresistente Apfelsorten sind schon seit längerem auf dem Markt. Allerdings werden Resistenzen immer wieder durchbrochen, weshalb die Forscher dauernd an der Weiterentwicklung arbeiten müssen.

  • Einen anderen Ansatz verfolgt der Einsatz von so genannten Pflanzenstärkungsmitteln, die explizit die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen Schad-organismen erhöhen sollen. Dazu gehören beispielsweise silikathaltige Präparate wie Gesteinsmehl oder solche auf bakterieller Basis. Deren Wirkung ist zwar umstritten, doch es gibt Bauern, die sehr überzeugt sind von diesen Methoden.

  • Mischkulturen sind weniger anfällig auf Schädlingsbefall. Gemischt angebaut werden vor allem Getreide und Leguminosen wie beispielsweise Ackerbohnen mit Weizen oder Bohnen mit Mais. Zudem bestehen auch Sortenmischungen beispielsweise mit Weizen.

  • Ein paar Gemüsegärtner produzieren bereits Salate in Plastikrinnen im Gewächshaus. Unter diesen kontrollierten Bedingungen braucht es viel weniger Wasser und Pflanzenschutzmittel und es gelangt nichts in den natürlichen Boden. Zudem ist der Flächenertrag viel höher als im Freiland, was dort indirekt zu einer Entlastung der Flächen führt.

 

Gentechnologie ist in der Schweizer Landwirtschaft zurzeit nicht erlaubt. Trotzdem dürften Anwendungen wie beispielsweise die CRISPR/Cas-Methode (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) künftig auch für die Schweiz für die Züchtung von resistenten Sorten interessant werden.

Diese neuen Methoden können nicht mit der "früheren" Gentechnologie verglichen werden. Es handelt sich um moderne Zuchtmethoden, in denen keine artfremden Gene eingesetzt werden. 

Moderne Kommunikationsmittel als Hilfsmittel

Den Schweizer Landwirten stehen heute zahlreiche moderne Hilfsmittel als Entscheidungsgrundlage für ihre Pflanzenschutzmassnahmen zur Verfügung. Auf der Online-Plattform Agrometeo (www.agrometeo.ch) beispielsweise können sie regionale Prognosen über Wetter, Schädlingsbefall oder den Stand der Kulturen in anderen Regionen abholen.

Messstationen übermitteln via GSM-Protokoll Messwerte in zehn Minuten-Intervallen. Die Modelle für die Vorhersage von Krankheitsinfektionen und Schädlingsentwicklung basieren auf Kenntnissen über den Einfluss von meteorologischen Faktoren auf die Biologie und Entwicklung der Organismen.

Ein Winzer beispielsweise kann sich über die aktuelle Befallsituation des gefürchteten Falschen Mehltaus auf Reben informieren. Die Modelle zeigen ihm, wann in seiner Region der richtige Zeitpunkt für eine vorbeugende Behandlung ist. Die Plattform wird von der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW zusammen mit Partnern betrieben.

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