21.11.2016 16:21
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Pflanzenschutzmittel
Imker für Lenkungsabgabe
Die Schweizer Imker fordern ein Verbot von drei für Bienen besonders giftigen Pflanzenschutzmitteln. Diese Neonikotinoide seien bereits heute nur beschränkt zugelassen, schreibt ihr Dachverband. Zum Wohle von Bienen, Umwelt und Landwirtschaft brauche es ein Verbot.

Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin heissen die drei Mittel, für die der Verband apisuisse ein Totalverbot verlangt. Gemäss Mathias Götti Limacher von apisuisse dürfen diese drei Insektenvernichter derzeit nicht eingesetzt werden in Kulturen, die von Bienen beflogen werden. Das Moratorium gelte für den Einsatz bei Mais, Raps und Sonnenblumen, aber nicht zum Beispiel bei Zuckerrüben.

Wildbienen verschwinden

Bienen spielen für die Ernährung von Mensch und Tier sowie «für die Arterhaltung eine herausragende Rolle», schreibt apisuisse am Montag. «Sind sie bedroht, bedeutet dies gleichzeitig, dass mit unserer Umwelt etwas nicht in Ordnung ist.» Weltweit sind die Bienenvölker auf dem Rückzug. Gemäss dem Weltrat für Biologische Vielfalt (IPBES), einer UNO-Organisation, sind in einigen Regionen 40 Prozent der Bienen- oder Schmetterlingsarten vom Aussterben bedroht; in Europa sind es neun Prozent.

Besonders die Wildbienen sterben aus. Allein in der Schweiz waren gemäss der Roten Liste von 1994 rund 45 Prozent der Wildbienen gefährdet, 10 Prozent verschwanden im 20. Jahrhundert ganz. Das Bienensterben schadet auch der Landwirtschaft. Nach IPBES-Schätzungen hängen vom Bestäubungsvorgang zwischen fünf und acht Prozent der landwirtschaftlichen Produktion ab.

Gefahr verkannt

Umgekehrt reduziert eine intensiv betriebene Landwirtschaft das Futterangebot für die Bienen. Zusätzlich hat die Varromilbe unzählige Bienenvölker vernichtet, wie die Imker festhalten. Den Zusammenhang zwischen dem Bienensterben und Pestiziden sei lange verkannt worden. Die Wissenschaft habe diesen erst in jüngster Zeit belegt. Erwischt ein Tier eine hohe Dosis eines Bienengifts, stirbt es sofort oder es verendet, weil es den Weg zurück zum Bienenstock nicht mehr findet.

«Besonders bei Einzelbienen - das sind viele Wildbienenarten - ist dieser Effekt dramatischer als bei den Honigbienen, bei denen der ganze Stock einen solchen Tod auffangen kann.»

Schleichendes Gift

Doch die Pflanzengifte bedrohen auch die Honigbiene. Sie schleichen sich auf anderen Wegen in den Bienenstock hinein. Eine Biene fliegt von Blüte zu Blüte und nimmt manchmal auf ihrem Weg gleich mehrere Gifte auf. Oder die Arbeiterinnen kehren von verschieden gespritzten Orten zurück. Im Bienenstock vermischen sich die Pestizide, die alleine nicht giftig waren für die Tiere, und «wirken in Kombination toxisch», wie apisuisse schreibt.

Apisuisse fordert folgende Massnahmen:

- Bevor international anerkannte Methoden zur Beurteilung subletaler und chronischer Pestiziddosen vorliegen (auch als Folge systemischer Applikation), sind keine neuen Pestizide zuzulassen. Dies bezieht sich auch auf den kombinierten Einsatz von Pestiziden. Ebenso sind sämtliche zugelassene Pestizide auf diese Wirkung hin zu überprüfen.

- Der Einsatz der drei besonders bienengiftigen Neonikotinoide (Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin), für welche zurzeit für gewisse Anwendungen ein befristetes Moratorium besteht, ist generell für alle Anwendungen zu verbieten.

- Der Einsatz von systemisch wirkenden Pestiziden ist nur bei Pflanzen zu gestatten, welche nicht als Bienentrachtpflanzen in Frage kommen.

- Pestizide dürfen in von Bienen beflogenen Kulturen generell nur ausserhalb der Bienen-Flugzeiten ausgebracht werden. 

Moratorium für Pestizide und Lenkungsabgabe

Solche Effekte kamen erst jüngst ans Licht und konnten bei der Zulassung der Pestizide noch gar nicht berücksichtigt werden. Die Imker fordern deshalb keine neuen Pestizide mehr zuzulassen sowie die bereits zugelassenen nochmals auf diese neuen Erkenntnisse hin zu überprüfen, bis die offenen Fragen geklärt sind. Weiter verlangen die Imker den Einsatz von Pestiziden weiter einzuschränken.

Apisuisse stellte seine Forderungen bei der Anhörung zum Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundes auf. Mit 50 Massnahmen, darunter einer Lenkungsabgabe, will der Bund die Risiken von Pestiziden um 50 Prozent senken. "Pestizide machen je nach Nutzpflanze nur einen geringen Teil der Produktionskosten aus. Oftmals liegen diese Kosten tiefer als diejenigen von alternativen Bekämpfungsmethoden", so Apisuisse.

Für den Anwender bestünde kein besonderer Anreiz, auf den Einsatz chemisch-synthetischer Produkte zu verzichten, so die Organisation. "Eine Lenkungsabgabe hätte einen nachhaltigen Einfluss. Besonders dann, wenn die Mittel daraus zweckgebunden für die Erforschung und Entwicklung von Alternativen eingesetzt würden", bestont Apisuisse. Nicht nachvollziehen kann der Dachverband, dass Pestizide nur mit dem reduzierten Mehrwertsteuersatz besteuert werden. Mit einer Erhöhung des Satzes könnten Alternativen unterstützt werden, heisst es im Schreiben weiter.

Noch ein Plan...

Apisuisse begrüsst Plan wie Lenkungsabgabe, fragt aber zugleich, ob es denn neben dem bereits in den 1970-er Jahren entwickelten Integrierten Pflanzenschutz noch mehr benötige. «Warum sollte diesem Aktionsplan höhere Erfolgschancen beschieden sein als vorangegangenen Bemühungen?» heisst es in der Stellungnahme zum Aktionsplan.

«Wenn die Integrierte Produktion, welche bereits seit den 90-er Jahren wichtiger Bestandteil der Landwirtschaftspolitik ist, konsequent umgesetzt worden wäre, dann wären wir schon viel weiter. Weil man dies nicht getan hat, braucht es nun grössere Anstrengungen», sagt Götti Limacher.

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