3.11.2019 12:53
Quelle: schweizerbauer.ch - sum/blu
Pflanzenschutz
Bienengift von Briefkastenfirma
Hunderttausende Bienen sind im Kanton Aargau verendet, weil das gegen Blattläuse eingesetzte Pirimicarb mit Fipronil verunreinigt war. Das Bundesamt für Landwirtschaft und die Fenaco, die das Produkt verkaufte, starteten eine Rückrufaktion. Der Schweizer Bauernverband fordert, dass Bewilligungsinhaber Ansprechpersonen in der Schweiz haben müssen

Ein Aargauer Imker hatte vor wenigen Wochen der Polizei gemeldet, dass seine 24 Bienenvölker auf mysteriöse Weise innert Tagen gestorben seien, berichtete die «SonntagsZeitung» vor zwei Wochen.

Ahnungslose Landwirte

Die tödliche Substanz befand sich als unerkennbare Beimischung in dem legalen und eigentlich unproblematischen Insektizid Pirimicarb, das Fenaco in ihren Agrar-Zentren verkauft. Ein ahnungsloser Landwirt hatte es gemäss «SonntagsZeitung» in einem solchen Zenter gekauft und auf seinen Äckern zur Bekämpfung von Blattläusen eingesetzt. Dass er damit ein Bienensterben in seiner Nachbarschaft auslöst, konnte er nicht ahnen.

Zuerst fühlte sich niemand für einen Rückruf verantwortlich, schrieb die «SonntagsZeitung». Das warf kein gutes Licht auf das Bundesamt für Landwirtschaft, aber auch auf die Fenaco. Die Landi als Wiederverkäuferin nahm die Erstvertreiberin in die Pflicht. Wenige Stunden nach der Publikation des Artikels meldete der Agrarkonzern Fenaco dann, dass er sich aktiv an der Rückrufaktion von «Pirimicarb 50 WG» beteiligt. Das Unternehmen teilt zudem sein Bedauern mit, «dass unwissentlich eine verunreinigte Charge des an sich sicheren und bewährten Pflanzenschutzmittels in Verkehr gesetzt wurde».

Man bedauere den Vorfall und den Tod von Bienenvölkern ausserordentlich. «Der Schutz von Bienen ist für uns zentral. Sie sind für die Landwirtschaft sehr wichtige Nützlinge», liess sich Heinz Mollet, Leiter der Division Agrar bei der Fenaco, zitieren.

Keine Büros und Mitarbeiter

Nun wurde bekannt, dass die Bewilligungsinhaberin für den Vertrieb des kontaminierten Spritzmittels, die Sharda Cropchem Limited, eine reine Briefkastenfirma ist. Die Adresse lautet auf eine Zürcher Treuhandfirma. Obwohl die Niederlassung des indischen Pestizidherstellers im Notfall für Rückrufe verantwortlich ist und für Schäden geradestehen muss, hat sie weder Büros noch Mitarbeiter.

Importiert wurde das Pirimicarb durch die Langenthaler Sintagro AG. Mangels Ansprechpersonen der Briefkastenfirma musste schliesslich die Fenaco als Verkäuferin des kontaminierten Spritzmittels den Skandal stellvertretend Sharda Cropchem für ausbaden. Die Fenaco hatte das kontaminierte Pirimicarb bereits im März 2017 bezogen. Viele der 1308 Einheiten wurden seither verwendet. Schon 2018 gab es laut dem Bienengesundheitsdienst Vergiftungen wegen Fipronil.

SBV fordert Ansprechpersonen

Nachforschungen der «Sonntags-Zeitung» zeigen, dass zahlreiche Pflanzenschutzmittel auf blosse Briefkastenfirmen zugelassen sind. Eigentlich schreibt das Gesetz zwar ausdrücklich vor, dass nur Schweizer Niederlassungen eine Bewilligung für Pflanzenschutzmittel erhalten. Doch das Bundesamt für Landwirtschaft als Zulassungsbehörde akzeptiert Firmen, die nur auf dem Papier existieren.

Nun wird der Bauernverband aktiv. Präsident Markus Ritter sagt in der «Sonntags-Zeitung»: «Wir fordern, dass Firmen mit Zulassungsbewilligungen für Pflanzenschutzmittel vor Ort in der Schweiz Ansprechpersonen haben müssen.» Und Geschäftsleitungsmitglied Martin Rufer konkretisiert: Wichtig sei dies, «wenn man bei Problemen mit dem Spritzmittel aus Sicherheitsgründen schnell handeln» müsse. Es dürfe nicht sein, dass man bei Schwierigkeiten «zuerst irgendwo im fernen Ausland eine Ansprechperson suchen muss».

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