6.07.2020 16:20
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Freiburg
42% über Chlorothalonil-Grenzwert
Der Kanton Freiburg hat sämtliche Trinkwasserfassungen auf Abbauprodukte des inzwischen verbotenen Wirkstoffs Chlorothalonil untersuchen lassen. Resultat: 160 von 381 Proben entsprachen nicht den Vorgaben des Lebensmittelrechts.

Das Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte den Einsatz von Chlorothalonil in den 1970er-Jahren. Der Wirkstoff wurde im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau gegen Pilzbefall eingesetzt. 

Grenzwert wurde gesenkt

Der Bund hat Chlorothalonil, gestützt auf neue Forschungsergebnisse, vergangenes Jahr neu als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten. 

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte (Metaboliten) von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist. Dieser neue Wert ist extrem tief. Bei diesem Höchstwert handelt es sich um einen vorsorglichen Wert, nicht um einen toxikologisch hergeleiteten Grenzwert.

58 Prozent der Proben konform

Diesen Frühling hat der Verband der Kantonschemiker eine Untersuchungskampagne durchgeführt, die spezifisch auf die Chlorothalonil-Metaboliten abzielte. Die Ergebnisse von sämtlichen Trinkwasserressourcen des Kantons Freiburg, die vom Amt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (LSVW) untersucht wurden, zeigen, dass hauptsächlich die Regionen Broye, See, Sense, Saane und der Süden der Glane von Chlorothalonil-Metaboliten betroffen sind.

Von den 381 untersuchten Proben erwiesen sich 221 (58%) als konform mit den Anforderungen des Lebensmittelrechts und 160 (42%) als nicht konform. «Die Ergebnisse jeder Probe sind jedoch nicht repräsentativ für den Gehalt an Chlorothalonil-Metaboliten im Trinkwasser aus dem Wasserhahn der jeweiligen Gemeinde», schreibt der Kanton in einer Mitteilung. Dieses kann aus einer Mischung aus verschiedenen Ressourcen stammen, die je nach Wasserverfügbarkeit aufgrund der Klimabedingungen variieren.

Die Kantonsregierung bezeichnet die Situation als «beunruhigend» und will - zusammen mit dem Bund - Verbesserungen erreichen.

Folgende Massnahmen werden im Rahmen der Ausarbeitung des Aktionsplans Pflanzenschutz des Kantons Freiburg geprüft:

  • verstärkter Schutz der zehn strategischen Grundwasserfassungen im Kantonsgebiet;
  • ein Vorgehen über zwei Jahre, um die Genehmigung von Grundwasserschutzzonen zu priorisieren, zu stärken und zu beschleunigen und um die bedeutenden Landnutzungskonflikte bei mehreren Zonen zu lösen;
  • eine Ausweitung der Projekte für den Ressourcenschutz (Art. 62a GSchG), die aktuell einzig die Senkung der Nitrate im Grundwasser zum Ziel haben, auf die Pestizidproblematik;
  • die Umsetzung von neuen Projekten für den Schutz der Grundwasservorkommen gemäss Art. 62a GSchG (Bereiche Zu), die spezifisch auf die Bekämpfung von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft ausgerichtet sind;
  • ein Verbot des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln in den Grundwasserschutzzonen (Art. 20 und 21 GSchG, Art. 47 GSchV);
  • ein Inventar der wichtigen Grundwasser, die noch nicht von Pflanzenschutzmitteln verunreinigt sind, und Sicherstellung ihres langfristigen Schutzes, gegebenenfalls durch die Anpassung der landwirtschaftlichen Praxis in ihren Einzugsgebieten;
  • die Integration der Problematik des Chlorothalonils und der Pestizide im Allgemeinen in die kantonale (STWI) und kommunale (PTWI) Planung der Trinkwasserinfrastrukturen;
  • die Anpassung der landwirtschaftlichen Praxis in Bezug auf den Pflanzenschutzmitteleinsatz im Kanton; Entwicklung und Förderung von alternativen Techniken für den Schutz der Kulturen;
  • die Umsetzung der in der AP22+ vorgesehenen regionalen landwirtschaftlichen Strategien (RLS), die eine standortangepasste Landwirtschaft fördern. Insbesondere die Qualität des Wassers, das für die Trinkwasserversorgung vorgesehen ist (in der Broye läuft ein Pilotprojekt).

 

150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht 

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin im Januar 2020 gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei. 

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagte Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»
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