8.10.2015 08:58
Quelle: schweizerbauer.ch - sum
Forschung
Autoreifen aus Löwenzahn-Gummi
Löwenzahn ist eine robuste Pflanze, aus der sich ein gefragter Rohstoff gewinnen lässt: Kautschuk. Der ist für die Produktion von Gummi unerlässlich. Forscher nutzen Russischen Löwenzahn, um Naturkautschuk herzustellen.

Etwa 40'000 Produkte des täglichen Lebens enthalten Naturkautschuk. Ob Matratzen, Handschuhe, Klebestreifen oder Reifen – der Rohstoff verleiht extreme Elastizität, Zugfestigkeit und Kälteflexibilität. Natürlichen Kautschuk durch künstlichen zu ersetzen, ist bisher nicht möglich. Forscher des Fraunhofer-Instituts (IME) in Münster (D) fanden jedoch eine preiswerte und umweltfreundliche Alternative zum Kautschukbaum: Löwenzahn.

Naturkautschuk wird derzeit ausschliesslich aus dem Baum Hevea brasiliensis gewonnen, eine Pflanzenart der Subtropen. Die wachsende Nachfrage und zunehmende Probleme mit Schadpilzen machen Naturkautschuk zum kostbaren Gut. 95 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion stammen aus Südostasien. Um den steigenden Verbrauch zu decken, werden Regenwälder gerodet und in Agrarland umgewandelt.

Ernte früh möglich

Mit Taraxacum kok-saghyz, dem Russischen Löwenzahn, stiessen Dirk Prüfer und sein Kollege Christian Schulze vom IME auf einen effizienten Ersatz für den Kautschukbaum. «Die Pflanze ist extrem anspruchslos. Sie kann in gemässigtem Klima und selbst auf Böden kultiviert werden, die für die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln nicht oder nur begrenzt geeignet sind», erklärt Schulze laut einer Mitteilung des IME. «Ausserdem hat Löwenzahn den Vorteil, dass er von Jahr zu Jahr wächst. Der Kautschukbaum bringt erst nach sieben bis zehn Jahren einen Ertrag.»

Den Entschluss, am Löwenzahn zu forschen, fasste Prüfer während eines Ausflugs. «Ich sass auf einer Wiese, die übersät war mit Löwenzahn. Als ich eine Blüte abgerissen hatte, tropfte aus dem Stängel weisse Latexmilch. Da hatte ich die Idee, dass man hieraus doch Kautschuk gewinnen könnte.» Doch die Menge an Latex  – dies ist Kautschuk in flüssiger Form – im heimischen Löwenzahn reicht nicht aus, um ihn industriell zu nutzen. Aus diesem Grund wurden die Arbeiten mit dem Russischen Löwenzahn, der deutlich mehr Kautschuk produziert, fortgeführt.

Verzicht auf Gentech

Durch gezielte Zucht gelang es den Forschern, den Kautschukgehalt innerhalb kurzer Zeit zu verdoppeln. Auf gentechnische Eingriffe verzichteten sie dabei. Prüfer und Schulze analysierten stattdessen die Löwenzahn-DNA und definierten DNA-Marker. Hierdurch konnten sie bereits bei Keimlingen feststellen, ob diese Eigenschaften besitzen, die sich positiv auf die Kautschukproduktion auswirken.

Den Kautschuk aus der Pflanze zu lösen, war eine weitere Herausforderung. Die Wissenschaftler entwickelten ein umweltfreundliches Verfahren. Da der Anteil in den Blättern gering ist, werden lediglich die Wurzeln zermahlen. Anschliessend wird der Rohstoff mit Wasser von den übrigen Stoffen getrennt.

Kautschuk im Praxistest

In Autoreifen hat sich der Löwenzahn-Kautschuk bereits bewährt. Der Hersteller Continental hat ein erstes Modell auf Asphalt getestet. «Der Kautschuk aus Löwenzahn hat optimale Rohstoff- und Materialeigenschaften. Die Reifen daraus zeigen ein ähnliches Eigenschaftsprofil im Vergleich zu Reifen aus herkömmlichem Naturkautschuk», betont Carla Recker von Continental.

Da Naturkautschuk für die Qualität vieler Produkte aus Gummi entscheidend ist, erachten ihn besonders Industrienationen als strategisch bedeutenden Rohstoff. Kautschuk aus Löwenzahn könnte die Abhängigkeit von Importen verringern. Ersetzen könne er sie nicht, vermutet Prüfer. Denn, «um den Weltbedarf an Naturkautschuk mit Löwenzahn zu decken, bräuchte man eine Fläche so gross wie Österreich».

Kautschuk-Ertrag steigern

Die «Pusteblume» entwickelt sich in der Gummiproduktion zu einer ökologisch und ökonomisch attraktiven Alternative zum Kautschukbaum. Bis zu einer industriellen Fertigung von Produkten auf Basis von Löwenzahn-Kautschuk wird es jedoch noch einige Jahre dauern. «Jetzt müssen erst einmal die Hausaufgaben gemacht werden: Die Pflanze muss optimiert werden für möglichst hohen Kautschukertrag, Aussaat, Anbau und Kautschuk-Extraktion in grossem Massstab», so die Forscher.

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