7.11.2018 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Kathrin Herren
Getreide
«Für den Futtertrog zu wertvoll»
230 Bauern und Müller gründeten 1995 die IG Dinkel. Heute zählt der Verein 2220 Mitglider, darunter 2145 Produzenten. Geschäftsführer Thomas Kurth erzählt, warum der UrDinkelanbau Potenzial hat.

«Schweizer Bauer»: Weshalb braucht es heute noch eine IG Dinkel?
Thomas Kurth: Das Kernziel  der IG Dinkel hat sich seit der Gründung nicht verändert. Wir wollen den Produzenten und Röllmüllern in den angestammten Gebieten eine werterhaltende alternative Ackerkultur anbieten.

Steht die IG Dinkel in Konkurrenz mit ähnlichen Institutionen?
Es gibt viele ähnliche Organisationen, die sich für die Förderung von Landwirtschaftsprodukten einsetzen. Die IG Dinkel ist insofern speziell, dass sie sich auf eine einzige Getreideart konzentriert. Als kleine Branchenorganisation ist sie allen Stufen, vom Produzenten bis zum Vermarkter verpflichtet. Eine dritte Besonderheit ist, dass sie sich mit dem Vertragsservice voll und ganz in den Handel integriert und hier die Verantwortung für die Branchenentscheide gleich selber trägt. Die IG Dinkel sieht sich dabei nicht in Konkurrenz, sondern partnerschaftlich mit anderen Institutionen eingebunden.

Managt die IG Dinkel lediglich die Anbaufläche zur «UrDinkel»-Produktion? Und können Produzenten anderer Labelstufen so viel Dinkel anbauen wie sie wollen?
Die IG Dinkel steuert den Anbau für UrDinkel IP-Suisse und für UrDinkel Bio Suisse. Daneben schliesst sie auch Verträge über konventionellen Dinkel ab. Unter den Vertragsanbau der IG Dinkel fallen rund 60% des Schweizer Dinkels. Produzenten sind völlig frei, über wen sie Dinkel vermarkten wollen. Bedeutend sind u.a. die Biofarm für Biodinkel oder die Fenaco GOF für konventionellen Dinkel. Der Dinkel-Produzent tut generell gut daran, den Absatz schon frühzeitig über einen Vertrag zu sichern. Die Preise im vertragsfreien Markt variieren stark, weil hier die Importe angebotsbestimmend sind.

Welche Richtlinien bestehen beim «UrDinkel»-Anbau? Kann jedermann einfach «UrDinkel» aussäen?
Entweder erfüllt der Betrieb die Anforderungen für IP-Suisse oder jene für Bio-Suisse-Knospe. Dabei gelten jeweils die Richtlinien für Getreide, aber auch jene für den Gesamtbetrieb. So müssen zum Beispiel alle IP-Suisse-Betriebe die Biodiversitätspunkte erreichen.

Warum ist eine Produktion innerhalb von 30km zur nächsten Röllmühle notwendig? Schliesst diese Bedingung nicht auch Produzenten aus? Und gibt es Möglichkeiten, die Begrenzung auszuweiten?
Die 30-km-Regel definiert das angestammte Anbaugebiet von Dinkel. Die Gründungsmitglieder haben in den Statuten festgelegt, dass der Dinkelanbau v.a. in den traditionellen Dinkelgebieten gefördert werden soll. Dieser privatrechtliche Gebietsschutz kann mit einer AOP-Regel verglichen werden. Es geht darum, den Markt zu begrenzen und kurze Transportwege zu garantieren. Wenn der Bedarf da ist und in den bestehenden Gebieten nicht gedeckt werden kann, sind Anpassungen der Reglemente möglich. Auch gibt es immer mal wieder Röll-Betriebe, die die Verarbeitung einstellen oder nicht in neue Kapazitäten investieren wollen. Zur Erhaltung des entsprechenden Anbaugebietes kann die IG Dinkel neue Röll-Lizenzen vergeben.

Wer schliesst mit den Abnehmern wie Grosshändlern und  Bäckereien Verträge ab?
Die IG Dinkel schliesst mit den Handelsmühlen Abnahmeverträge ab. Diese Verträge sind das Fundament für die Absatzgarantie gegenüber den Vertragsproduzenten. Die Handelsmühlen ihrerseits finden den Absatz bei Bäckereien, Verarbeitern und Detaillisten.

Lange Zeit führte der Dinkel nur ein Mauerblümchendasein. Warum stieg nun die Nachfrage und entwickelt sich insbesondere der «UrDinkel» gar zu einem Trendprodukt?
Lange Zeit stand die Ertragsmaximierung pro Fläche im Vordergrund. Der Weizen liess sich besser intensivieren und verdrängte so den «rückständigen» Dinkel fast vollständig. Zudem wurden die Proteine des Weizens stark in Richtung stabile Teige gezüchtet. Heute wird den inneren Werten, der Abwechslung und der individuellen Qualität wieder Beachtung geschenkt. Ein stattlicher Anteil der Bevölkerung ist zudem bereit, für aufwendigere Spezialitäten den nötigen Mehrpreis zu bezahlen. UrDinkel hat nachweislich eine extrem breite Palette von Vorteilen, nicht nur bezüglich gesunder Ernährung, sondern auch im Hinblick auf einen Ressourcen-schonenden, nachhaltigen Anbau.

Wie sieht die aktuelle Marktlage aus? Die IG Dinkel möchte die Anbaufläche von «UrDinkel» ausdehnen. Sucht sie noch Produzenten?
Der Markt ist seit Jahren stetig am Wachsen. In den letzten drei Jahren konnten wir die Fläche nicht ausreichend ausdehnen, weshalb wir die Preise auf die Ernte 2019 hin leicht anheben. Interessierte Produzenten können sich bei der IG Dinkel melden.

Weshalb steigt der Preis für «UrDinkel»-Mehl bei so hoher Nachfrage nicht stärker an?
Der Nischenmarkt reagiert sensibel auf Preisänderungen. Die IG Dinkel will den Dinkel möglichst in den Grenzlagen des Getreideanbaus fördern. Ist der Preis im Vergleich zu Weizen zu hoch, wandert die Produktion rasch in gute Weizengebiete ab. Zusätzlich müssen auch die Röll- und Mehlausbeute beachtet werden. Eine Steigerung des Produzentenpreises wirkt sich doppelt auf die Preissteigerung von Mehl aus. Der Freiheitsgrad gegenüber dem viel billigeren Importdinkel ist nicht unbegrenzt.

Warum werden derzeit Dinkel-Sortenversuche gemacht?
Ausserhalb der Marke UrDinkel wird viel Dinkel sogenannter Hochertragssorten importiert. Diese sind mit Weizen gekreuzt und agronomisch stark im Vorteil. Gemeinsam mit dem Forum Ackerbau sondieren wir, ob wir unseren konventionellen Produzenten in Zukunft auch bessere Sorten anbieten können. Zudem wäre es bezüglich Krankheitsdruck interessant, eine grössere Vielfalt an Sorten auf den Feldern zu haben.

Kritische Stimmen sagen, dass  der zunehmende Anbau von Dinkel  den beschwerlichen Aufbau des Markennamens «UrDinkel» zunichte mache. Stimmt das?
Solange der wachsende Anbau im Einklang mit dem wachsenden Absatz ist, sehe ich keine Gefahr für unsere Marke. Im Gegenteil. Da gibt es noch viel Potenzial nach oben. Sollte aber, wie 2011 letztmals, eine Rekordernte kurzfristig zu grossen Überschüssen führen, müssen wir rasch handeln und die Flächen vorübergehend einschränken. Für den Futtertrog ist UrDinkel definitiv zu wertvoll.


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