17.06.2017 06:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Peter Jossi, lid
Graubünden
Die Rückkehr des Bergackerbaus
Anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums erhielt das Anbau- und Vermarktungsprogramm "Gran Alpin" den "Bio Grischun"-Preis 2017. Ein Anlass, auf die Anfänge zurückzuschauen und die Erfolgsfaktoren für den nachhaltigen Erfolg aufzuzeigen.

Bei der „Gran Alpin“-Geschäftsleiterin Maria Egenolf und ihrem Team laufen die Fäden zusammen. Sie organisiert gemeinsam mit den rund 90 Bäuerinnen und Bauern den Anbauplan, Feldbegehungen, Projekte und Veranstaltungen.

Die „Gran Alpin“-Geschäftstelle regelt zudem den Einkauf und Verkauf, die Lagerbewirtschaftung und vieles mehr. Eine Herausforderung ist dabei allein schon das grosse Einzugsgebiet, so Maria Egenolf zu ihrem täglichen Arbeitsumfeld: "Das Einzugsgebiet von Gran Alpin umfasst ja inzwischen fast das gesamte Berggebiet in Graubünden."

Neues Standbein gesucht

Gran Alpin konnte bereits zu Beginn auf ein gewisses Wissen im Bergackerbau aufbauen. Sommergerste wurde beispielsweise immer angebaut, wenn auch lange Zeit nur noch zu Futterzwecken. "Vor 30 Jahren suchte ich zusammen mit Ueli Heinrich, Wolfgang Schutz und weiteren Interessierten nach einem zusätzlichen Standbein neben der Viehwirtschaft im Berggebiet von Graubünden", erinnert sich Gran Alpin-Gründungspräsident Hans Caspar Trepp.

Der Neunanfang verlief nicht problemlos, wie Trepp betont: "Viele hatten das Wissen nicht mehr, die Maschinen waren nicht vorhanden und die Logistik gestaltete sich schwierig. Ausserdem musste das Getreide verarbeitet werden und dann natürlich mussten Kunden dafür gefunden werden."

Professionelle Unterstützung beim Anbau

In den Bergzonen Graubündens wird heute wieder auf 496 ha Ackerbau betrieben. Getreide wird auf rund 200 ha angebaut davon 50 ha Braugerste. Einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg leistete ein "Unterländer": Getreideforscher Peer Schilperoord. Als einer der kenntnisreichsten Experten für Berggetreide wirkt er noch heute in diversen Gran Alpin-Projekten mit, etwa beim Neuanbau alter Sorten für das Berggebiet.

Trotz noch vorhandenem Praxiswissen spielten die Besonderheiten des Bergackerbaus in der landwirtschaftlichen Schulung zeitweise eine untergeordnete Rolle. Heute bildet die fachliche Ausbildung und Beratung wieder einen wichtigen Schwerpunkt des landwirtschaftlichen Beratungszentrums "LBBZ Plantahof".

Zeitgemässe Vermarktung und Kommunikation

Beim Aufbau der Gran Alpin-Vermarktung zeigte sich rasch: Die herkömmliche Vermarktung von Berg- und Alpprodukten allein garantierte den Absatz von Berg- und Alplebensmitteln nicht in genügendem Ausmass, zumal der Regio-Trend zur Gründungszeit noch keineswegs absehbar war. Eine wichtige Unterstützung leistete der überkantonale Verein "Alpinavera" an. Die von Lebensmittelhandwerkern, Bauern und Bäuerinnen aus Graubünden, Uri, Glarus und dem Tessin getragene Organisation setzt sich für die Vermarktung der Alp-, Berg und Regionalprodukte ein.

Damit ein Bäcker, Metzger oder Käser bei Alpinavera mitmachen kann, müssen die Zutaten der handwerklich hergestellten Spezialitäten zu mindestens 80 Prozent aus Graubünden, Uri, Glarus oder Tessin stammen. Zudem müssen zwei Drittel der Wertschöpfung in diesen Bergregionen erbracht werden. Um die Herkunft der Zutaten zu garantieren, werden die Produkte von einer unabhängigen Kontroll- und Zertifizierungsstelle alle zwei Jahre kontrolliert und zertifiziert.

Abhängigkeit von grossen Marktpartnern

Von Anfang an setzte Gran Alpin auf Bioanbau und -verarbeitung und die gleichzeitige regionale und die schweizweite Vermarktung. Um eine ausreichende Absatzmengen zu erreichen, war diese Strategie zwingend, aber nicht ohne Risiken. Maria Egenolf erinnert sich: "Ein krasser Einschnitt war, als die Jowa fast von einem Tag auf den anderen als Kunde ausgestiegen ist. Glücklicherweise kompensierte dies kurz darauf der Einstieg der Coop-Mühle Swissmill."

Die Kooperation mit Coop erwies sich als langfristige Chance, die laufend weiterentwickelt wurde, etwa mit der Lancierung eines "Gran Alpin-Monatsbrots". Seit 2015 ist Coop ein wichtiger Abnehmer von Rollgerste für das "Pro Montagna"-Sortiment.

Offenes Potential für regionale Kooperationen

Gleichzeitig setzte Gran Alpin von Beginn weg auf eine enge Kooperationen mit dem regionalen Gewerbe, wie Maria Egenolf betont: "Mit den einheimischen Bäckereien würde ich mir eine stärkere Kooperation wünschen", betont Maria Egenolf. Welches Potential ein Einzelbetrieb entwickelt kann, zeigt exemplarisch «Meierbeck» aus Santa Maria im Val Mustair.

Seit vielen Jahren setzt das Unternehmen auf ein breites und in der ganzen Schweiz vermarktetes Biobackwarensortiment aus Gran Alpin-Berggetreide, darunter das nur schon aufgrund des geradezu poetischen Namens beliebte «Pan cun paira da paur» (Bauernbirnbrot).

Brot in Steinbockhorn Form

Eine weitere erfolgreiche Kooperation bildete die von Alpinavera unterstützte Lancierung des "Capricorn"-Brotes in der Form eines Steinbockhornes, bei der zu Beginn rund 20 Bäckereien mitwirkten. Dank der Überzeugungsarbeit durch Meierbeck und einiger Bio-Bäcker aus dem Unterland, nutzten einige Bäckereien ausserdem das Angebot einer auf die Gewerbepraxis ausgerichteten Biozertifizierung. Im Jahr 2010 erhielt das Capricorn-Projekt sogar den "Bio Suisse Förderpreis" als beispielhaftes Bio-Regionalprojekt. Viele dieser Betriebe sind jedoch mittlerweile wieder ausgestiegen.

Grosses Ausbaupotential für regionale Kooperationen besteht in der Gastronomie und im Tourismus. Eine weitere wichtige Voraussetzung dafür ist gut etabliert: Die höchstgelegene Brauerei Europas, die sich in Davos Monstein befindet, verwendet für ihre Biere "Gran Alpin"-Braugerste. Teigwaren und weitere Gran Alpin-Verarbeitungsprodukte für die Gastronomie stehen seit vielen Jahren zur Verfügung.

Mehr in der Region verarbeiten – Suche nach Partnern

"Für die Mühle Scartazzini im Bergell sind wir inzwischen sicher der wichtigste Partner, verarbeitet er doch fast nur noch unser Getreide", sagt Maria Egenolf. Generell stellt die Logistik und Aufbereitung eine grosse Herausforderung dar, verstärkt durch immer strengere rechtliche Auflagen. Anderen Entwicklungen stehen technische Herausforderungen im Weg, etwa bei der Suche nach einer Dinkelrölle in der Region und der richtigen Polenta-Maissorte.

30 Jahre Gran Alpin – die wichtigsten Etappen

1987 wurde die Genossenschaft Gran Alpin in Tiefencastel gegründet, um den ökologischen Bergackerbau in den Bergtälern Graubündens zu fördern. 1996 erfolgte dann die Umstellung auf den kontrolliert biologischen Anbau nach Bio-Suisse Richtlinien (Knospe). Heute produzieren an die neunzig Bio-Betriebe etwa 500 Tonnen Weizen, Roggen, Speisegerste, Braugerste, Dinkel (Urdinkelsorten), Nackthafer und Buchweizen. Neu wird versucht, im Domleschg Polentamais anzubauen.

Geschützte Deklaration für Berg- und Alp-Lebensmittel

Bei Verarbeitung ausserhalb des Berg- bzw. Alpgebiets ist der Hinweis auf die Herkunft der Rohstoffe zulässig. Die Details zur Umsetzung sind in der entsprechenden Bundesverordnung festgeschrieben, zusammen mit den genauen Definitionen für Berg- und Alpgebiete.

Obwohl die vom Bund geschaffenen offiziellen Auszeichnungen in der Vermarktung eine untergeordnete Bedeutung spielen, ist der rechtliche Schutz wichtig. Viele regionale Vermarktungsaktivitäten und Sortimente des Detailhandels bauen auf dieser gesetzlichen Grundlage auf.

Die offiziellen Zeichen für Berg- und Alpprodukte garantieren die Herkunft der Erzeugnisse aus dem Berggebiet bzw. aus dem Sömmerungsgebiet. Sie stehen für den offiziellen Schutz dieser Produkte und sollen die Transparenz fördern. Die Zeichen dürfen verwendet werden, wenn die damit gekennzeichneten oder ausgelobten Produkte die Anforderungen der Berg und Alpverordnung erfüllen. Die Verwendung der offiziellen Zeichen ist freiwillig und kostenlos. Weitere Informationen unter blw.admin.ch

 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE