14.11.2014 09:43
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Zucker
Zuckerbranche droht Ungemach
Die gute Nachricht: Nach mageren Erträgen im letzten Jahr fahren die Zuckerrüben-Produzenten heuer eine Grossernte ein. Die schlechte Nachricht: Die Schweizer Zucker-Branche ist stark unter Druck – wegen des Preiszerfalls in der EU und der neuen Agrarpolitik.

Seit Mitte September herrscht in den Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld Hochbetrieb. Von morgen früh bis spätabends werden sie angeliefert, die Zuckerrüben – täglich rund 10‘000 Tonnen in jedem Werk. Rund die Hälfte kommt per Bahn, die anderen 50 Prozent werden auf der Strasse angeliefert. Noch bis Ende Jahr geht das so. Das ist ungewöhnlich lange.

Normalerweise dauert die Phase, wo Zuckerrüben geerntet und zu Zucker verarbeitet werden, rund 85 Tage. In diesem Jahr werden es voraussichtlich circa 100 Tage sein. Das hat seinen Grund: Die Zuckerrübenproduzenten fahren derzeit eine üppige Ernte ein. Ertragsschätzungen gehen von 1,8 Mio. Tonnen aus. Das entspräche einer ähnlich hohen Ernte wie im Rekordjahr 2011.

Ideales Wetter lässt Rüben wachsen

Die Grossernte ist zum einen auf eine um 1‘000 Hektaren grössere Anbaufläche zurückzuführen (total 21‘000 ha); ausgedehnt wurde sie aufgrund der letztjährig mageren Ernte (1,4 Mio. t). Zum anderen ist sie klimatisch bedingt. So liess der viele Regen im Sommer die Rüben kräftig wachsen. „Wenn im Sommer schlechtes Badi-Wetter herrscht, gibt es jeweils eine grosse Rübenernte”, erklärt Samuel Jenni, Leiter der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau (SFZ).

Im Herbst sei es dann sommerlich warm gewesen, so dass ein Teil der Rüben noch bis in den November hinein habe wachsen können, was eher selten vorkomme. Positiv wirkte sich laut Jenni die Witterung auch auf den Blattpilzbefall aus, welcher heuer kaum Probleme bereitete. Einzig mit Wurzelfäule hätten Produzenten in einigen Regionen zu kämpfen gehabt. Die Fabrik, erklärt Jenni, habe deshalb einige Lieferungen beanstanden müssen und Abzüge gemacht, teilweise mussten die Wagen an den Landwirt zurückgeschickt werden.

Grossertrag erwartet

Die Zuckergehalte liegen im Einzugsgebiet der Zuckerfabrik Frauenfeld wegen feuchteren Verhältnissen und mehr Nebeltagen bei 17,2 Prozent und damit eher tief. Anders in den Anbau-Regionen Genfer See, Waadtland und rund ums das Werk Aarberg, wo weniger Regen fiel und der Zuckergehalt bei durchschnittlich 18,1 Prozent liegt. Weil die Erträge in der Ostschweiz höher sind, rechnet Jenni damit, dass der tiefere Gehalt kompensiert wird und am Schluss in beiden Gebieten ein ähnlich hoher Zuckerertrag pro Hektare resultiert.

Wie hoch dieser ausfallen wird, könne er derzeit noch nicht exakt sagen, erklärt Guido Stäger, Direktor der Schweizer Zucker AG. Er rechnet aber mit einer ähnlich grossen Zuckermenge wie im Rekordjahr 2011 (294‘000 Tonnen). Mussten damals zusätzliche Lagerkapazitäten angemietet werden, ist die Schweizer Zucker AG für die diesjährige Grossernte gerüstet. „Dank eines neuen Silos in Frauenfeld können wir die ganze Ernte selber einlagern”, erklärt Stäger. Die Lager seien wegen der mageren Rübenernte im Vorjahr und einer entsprechend unterdurchschnittlichen Zuckerproduktion derzeit ohnehin leer.

Kampf um Marktanteile

Sorgen bereitet Stäger hingegen der Preiszerfall in der EU: Kostete eine Tonne Zucker im Herbst 2013 durchschnittlich rund 700 Euro (847 Franken), waren es im Sommer 2014 lediglich noch 530 Euro (641 Franken) (aktuellere Zahlen sind nicht verfügbar). Wegen des nahenden Quotenendes im Jahr 2017 ist in der EU bereits ein Preiskampf entbrannt. „Jeder Zuckerproduzent versucht zulasten der Konkurrenten Marktanteile zu gewinnen”, so Stäger. Davon ist auch die Schweiz direkt betroffen, denn der Zuckermarkt ist seit den Bilateralen Verträgen weitgehend liberalisiert. Mit anderen Worten: Sinkt der Zuckerpreis in der EU, sinkt er auch in der Schweiz, weil sonst mehr importiert wird. Stäger: „In der EU herrscht ein Kampf um Marktanteile und wir leiden darunter.”

Weiteres Ungemach droht mit dem Ende der Zuckerquoten im Jahr 2017. Erwartet wird, dass die EU die Zuckerproduktion hochfährt und sich von einem Netto-Importeur zu einem Netto-Exporteur wandelt. Womit der Druck auf die hiesige Zuckerbranche noch grösser wird. „Der EU-Zuckerpreis wird sinken und somit auch der Schweizer Zuckerpreis”, prophezeit Stäger. Flankierende Massnahmen seien deshalb nötig. Er verweist auf die ungleiche Marktordnung: Die EU wolle künftig mehr Zucker exportieren, gleichzeitig schütze sie den eigenen Markt mit hohen Zöllen vor Einfuhren, während die Schweizer Grenzen offen seien.

Bund senkt Direktzahlungen

Unter Druck ist der inländische Zuckerrübenanbau nicht nur wegen sinkender Zuckerpreise in der EU, sondern auch wegen der neuen Agrarpolitik. Der Bund hat mit der Reform des Direktzahlungssystems die Beiträge für den Zuckerrübenanbau empfindlich gekürzt. So erhalten die Bauern seit diesem Jahr noch einen Einzelkulturbeitrag von 1‘600 Franken pro Hektare, 300 Franken weniger als 2013. Im nächsten Jahr will der Bund die Beiträge um weitere 200 Franken kürzen. Die Zuckerbranche hat bereits gewarnt, dass durch die Kürzung der Zuckerrübenanbau an Attraktivität verliere und die Versorgung mit einheimischem Zucker künftig gefährdet sei.

In diesem Jahr sei die Kürzung weniger schmerzhaft, so Stäger, weil die tieferen Bundesbeiträge durch die grossen Erträge teilweise kompensiert werden könnten. In einem schlechten Anbaujahr würden sich die tieferen Direktzahlungen aber umso stärker bemerkbar machen.

Hoffnungsschimmer Swissness

Auch wenn die Schweizer Zuckerbranche wegen tiefen EU-Preisen und geringeren Bundessubventionen unter Druck ist: Für neuen Schub könnte die Swissness-Vorlage sorgen. Diese verlangt, dass Lebensmittel mit dem Schweizer Kreuz ausgezeichnet werden dürfen, wenn 80 Prozent der Rohstoffe aus dem Inland stammen. Stäger geht davon aus, dass die Swissness-Vorlage einen positiven Effekt auf die Nachfrage hat. „Wir erwarten aber keine Wunder.”

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