12.09.2020 07:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Bettina Kiener
Zuckerrüben
Kampf für Schweizer Zucker
Josef Meyer, Präsident der Schweizer Zuckerrübenpfanzer, ist überzeugt, dass der Zuckerrübenanbau zukünftig wieder interessant und lohnend sein wird. Doch bis dahin brauche es noch etwas Durchhaltewillen.

«Schweizer Bauer»: Wie viele Hektaren Zuckerrüben bauen Sie auf Ihrem Betrieb an?
Josef Meyer: Heuer haben wir 30ha.

Was motiviert Sie, Zuckerrüben zu produzieren?
Die Herausforderung. Aus anbautechnischer Sicht sind Zuckerrüben sehr anspruchsvoll, und seit wir IP-Suisse-Rüben produzieren, sprich keine Insektizide und Fungizide mehr einsetzen, ist das Ganze noch etwas herausfordernder geworden. Gerade der extensive Anbau von Zuckerrüben bedingt ein grosses technisches Interesse und ein gutes Gespür. 

Wie schätzen Sie die aktuelle Marktsituation bei den Zuckerrüben ein?
Unser grösstes Problem ist, dass in Europa zu viel Zucker produziert wird. Diese Überproduktion drückt auf unsere Preise. Es ist schade, dass wir die Schweizer Produktion in den letzten Jahren zurückgefahren haben — zwar nicht freiwillig, aber trotzdem. Die Preise waren für einige Produzenten zu tief, die Schwierigkeiten im Anbau zu hoch. 

Was unternimmt die Branche dagegen?
Seit drei Jahren erhalten Zuckerrübenproduzenten im Rahmen eines Hilfspakets einen Flächenbeitrag von 2100 Fr. Zudem besteht beim Import von Zucker ein Mindestzollansatz von 7 Fr. pro 100 kg. Ohne dieses Hilfspaket gäbe es vielleicht schon jetzt keine Zuckerrüben mehr in der Schweiz. Und deshalb fordern wir, dass diese Massnahmen verlängert werden; denn am Ende des Tunnels sind wir noch nicht angekommen. 

Welcher Weg führt denn raus aus dem Tunnel?
Mit der Produktion von IP-Suisse- oder Biozucker erzielen wir bessere Preise als mit dem Anbau eines Massenprodukts. Doch dazu brauchen wir die verarbeitende Industrie. Diese muss bereit sein, für den Mehrwert eines Label-Zuckers mehr zu bezahlen. Denn hinter diesem Mehrwert steckt eine Philosophie, und diese ist anschliessend nicht sichtbar im Produkt zu erkennen.

Ist auch der grösste Abnehmer von Schweizer Zucker bereit, für einen solchen Mehrwert einen höheren Preis zu bezahlen?
Leider nein. Da müssen wir ehrlich bleiben. Solche Abnehmer setzen bei ihrer Mehrwertstrategie oft nicht auf Nachhaltigkeit.

Die Anbaubereitschaft für Zuckerrüben sinkt. Wie soll diese Entwicklung gestoppt werden?
Wir kämpfen dafür, dass die Gaucho-Beizung befristet zugelassen wird. Zudem sind wir bereit, all unsere finanziellen Reserven einzusetzen. So können wir einen einigermassen vernünftigen Preis zahlen. Denn geht die Fläche noch mehr zurück, hat der Zuckerrübenanbau in der Schweiz keine Zukunft mehr. Und als Drittes brauchen wir Durchhaltewillen. 

Das klingt wenig motivierend.
Ich weiss, das sage ich bereits seit drei Jahren. Doch die Krise ist noch nicht überstanden. Wir müssen uns einfach bewusst sein, dass wir nie mehr wieder in die Zuckerindustrie einsteigen können, wenn wir sie einmal aufgegeben haben. Und was machen wir dann mit den 20000 ha Anbaufläche, wenn wir morgen keine Zuckerrüben mehr produzieren? Ich bin überzeugt, dass die Zuckerproduktion zukünftig wieder interessant und lohnend sein wird. 

Wie lange wird es noch zwei Zuckerfabriken in der Schweiz geben?
Um die beiden Fabriken betreiben zu können, müssen wir die Anbaufläche stabilisieren. Betrachten wir das heurige Jahr mit all den Problemen, die in den Zuckerrüben aufgetaucht sind

Erdflöhe, Blattläuse, viröse Vergilbung, Syndrome des basses richesses, Cercospora, um nur einige zu nennen. Die Liste ist lang. Wie sieht der Plan B aus, wenn Gaucho nicht zeitweise zugelassen wird?
Kommt es nicht zu einer solchen kurzfristigen Übergangslösung, müssen wir den Bund und die Abnehmer zum Begräbnis der Zuckerrübenproduktion in der Schweiz einladen. Klar, Gaucho darf wirklich nur eine Übergangslösung sein, aber wir können doch nicht einfach die Zuckerrübenproduktion opfern?

Und dann? Wie geht es weiter?
Wir testen bereits nächstes Jahr widerstandsfähigere Sorten. Wir brauchen einfach etwas mehr Zeit. 

Wurde in den letzten Jahren die Forschung für alternative Pflanzenschutzmethoden und alternative Züchtungen vernachlässigt?
Ja, ganz klar. Ich will hier nicht nach Entschuldigungen suchen. Gaucho war ein so geniales Mittel. Ich kann verstehen, dass niemand Lust verspürte, nach Alternativen zu suchen. Wir haben es verpasst. Es ist aber auch unverständlich, dass ein solches Mittel über Jahre hinweg verwendet werden darf, und dann wird plötzlich entschieden, dass der Einsatz von heute auf morgen nicht mehr erlaubt ist. Vor allem bei den Zuckerrüben – wir setzten es nicht bei einer blühenden Kultur ein. Und die ganze Branche weiss, dass Gaucho nicht unsere Zukunft ist. Wir fordern lediglich, dass die Beizung für einen begrenzten Zeitraum wieder zugelassen wird. 

In drei Sätzen. Wieso brauchen wir in der Schweiz Zuckerrüben?
Es ist eine sehr wertvolle Kultur in der Fruchtfolge. Bei keiner Kultur wird pro Hektare so viel Energie produziert wie bei den Zuckerrüben – Stichwort Selbstversorgungsgrad. Und noch einmal: Wir haben entweder alles oder nichts, und wir alle tragen gemeinsam die Verantwortung dafür. 

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