8.07.2019 08:39
Quelle: schweizerbauer.ch - awp/blu
Milchmarkt
Hochdorf setzt auf Babynahrung
Bei Hochdorf soll mit einer kompletten Neuausrichtung ein Weg aus der misslichen finanziellen Lage gefunden werden. Wie der Milchverarbeitungskonzern am Montag mitteilte, wolle man sich künftig auf das wachstumsstarke Geschäft mit Babynahrung konzentrieren.

Für das 2016 übernommene Unternehmen Pharmalys, das unter den Marken Primalac und Swisslac in über 40 Ländern Babynahrung und Cerealien vertreibt, will Hochdorf allerdings «alle strategischen Optionen» prüfen. Das Geschäftsmodell von Pharmalys könne in der heutigen Ausgestaltung innerhalb der Hochdorf-Gruppe nicht nachhaltig erfolgreich geführt werden, begründet die Konzernführung ihren Entscheid.

Wie weiter mit grösstem Aktionär?

Hochdorf hält derzeit 51 Prozent an Pharmalys. Dass für das Unternehmen nun eine neue strategische Lösung gesucht wird, steht indes nicht zwingend im Widerspruch mit der Ankündigung, den Geschäftsbereich Baby Care weiter stärken und internationalisieren zu wollen. So produzierte Hochdorf schon vor 2016 Babynahrung für Pharmalys und könnte dies auch in Zukunft weiter tun, wenn das Unternehmen nicht mehr zum Konzern gehört.

Der Umstand, dass Hochdorf sich bei Pharmalys alle Optionen offen lässt, weisst darauf hin, dass sich das Verhältnis zwischen dem neuen Verwaltungsrat und Amir Mechria, Minderheitsaktionär und Gründer von Pharmalys, nicht verbessert hat. Mechria vor drei Jahren 51 Prozent von Pharmalys an Hochdorf verkauft. Dafür wird er im kommenden Jahr wegen einer Wandelanleihe 20 Prozent der Hochdorf-Aktien erhalten und zum grössten Aktionär aufsteigen. Bis jetzt ist ZMP Invest, eine Tochter der Zentralschweizer Milchproduzenten, mit 14 Prozent grösste Aktionärin von Hochdorf. 

Produktion in der Schweiz

Mechria hat sich zum Ziel gesetzt, Schweizer Milchpulver über Pharmalys als hochpreisiges Produkt zu verkaufen. Der höhere Preis der Schweizer Milch sei kein Problem. «Viel wichtiger ist für uns die sehr hohe Qualität und die mehr als hundertjährige Tradition von Hochdorf. Dies verkaufen wir im Ausland. Wir brauchen die Schweizer Bauern und die Unterstützung der ZMP», sagte Mechria Ende April zur Handelszeitung. 

Einher mit der neuen Strategie von Hochdorf geht auch die Absicht, Babynahrung ausschliesslich in der Schweiz zu produzieren. Dies führe dazu, dass ein Produktionswerk von Hochdorf in Deutschland keine strategische Bedeutung habe, heisst es in der Medienmitteilung vom Montag. In diesem Zusammenhang liefen bereits Verhandlungen über den Verkauf der Fabrik an die Uckermärker Milch GmbH. Hochdorf hat gemäss Insidern in Deutschland hohe Verluste in Kauf nehmen müssen. Pro Jahr lag das Minus zwischen 10 und 15 Millionen Franken. 

Geschäfte mit Weizenkeim-Produkten, Ölen und Schokolade wird aufgegeben

Während Hochdorf in den nächsten 12 Monaten für das unter dem Namen Dairy Ingredients zusammengefasste Stammgeschäft, das heisst die Verarbeitung von Milch zu Milchpulver, eine neue Strategie sucht, will man sich von anderen Geschäftsbereichen ganz trennen. Laut Mitteilung soll das Segment Cereals & Ingredients, der ursprünglich zum milchunabhängigen Standbein des Konzerns hätte aufgebaut werden sollen, «mangels kritischer Grösse und Skalierbarkeit» komplett aufgegeben.

Einzelne werthaltige Produktekategorien des Segments sollen zwar in Dairy Ingredients integriert werden, so etwa die nicht-milchbasierten Spezial-Sprühprodukte oder gewisse gesundheitsfördernde Zusatzstoffe (Health-Supplements). Alles übrige soll gemäss Hochdorf aber abgestossen werden.

Bis Ende Jahr abgeschlossen sein soll demnach die Evaluation strategischer Alternativen für die Tochtergesellschaften Marbacher Ölmühle GmbH, Snapz Foods AG sowie der Zifru Trockenprodukte GmbH. Bereits weiter gediehen ist die Frage nach der Zukunft der Hochdorf South Africa Ltd: Diese Tochter wird demnächst an die African Chocolate Café Ltd. veräussert.

Keine Angaben zu Auswirkungen auf Arbeitsplätze


Welche Auswirkungen die Reorganisation auf die Arbeitsplätze von Hochdorf in Hochdorf und Sulgen haben wird, konnte der Sprecher des Unternehmens am Montag noch nicht sagen. Weitere Angaben zur Neuausrichtung würden erst im August kommuniziert, wenn das Unternehmen den Halbjahresabschlusses publiziert.

Dann wird das Management auch weitere Angaben zur finanziellen Lage machen. Wie bereits im Frühling kommuniziert rechnet der Verwaltungsrat von Hochdorf für das laufende Halbjahr aufgrund deutlich höherer Kosten und Abschreibungen mit einem massiv schlechteren Ergebnis. Infolge der notwendigen strategischen Neuausrichtung kommen nun weitere Wertberichtigungen dazu, wie aus dem Communiqué vom Montag hervorgeht.

Börsenkurs sackt ab

Die Finanzierung der Gruppe sei aber vorläufig gesichert, heisst es darin weiter. Die Börse hat wenig Vertrauen in das Unternehmen. Der Aktien-Kurs ist am Montag binnen wenigen Stunden um fast 7 Prozent gesunken. Im März 2018 lag der Kurs der Aktien nach bei rund 310 Franken. Am Montag musste für eine Aktie noch 100 Franken auf den Tisch gelegt werden. 

Ob sich das Unternehmen noch retten kann, wird sich in den kommenden Monaten weisen. Die Finanz und Wirtschaft hat ihre Meinung kund getan. «Der neue Verwaltungsrat hat den Ernst der Lage zwar erkannt, die Finanzierung sei vorläufig gesichert. Es bleibt aber abzuwarten, ob es nicht bereits zu spät ist für einen Turnaround. Die Aktien sind zu meiden», so das unvorteilhaft Fazit der Wirtschaftszeitung.

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