29.06.2020 09:20
Quelle: schweizerbauer.ch - awp
Edelmetall
Gold gewinnt weiter an Glanz
Gold glänzt, und das wie schon seit Jahren nicht mehr. In den letzten Tagen stieg der Preis für eine Feinunze des Edelmetalls (ca. 31,1 Gramm) vorübergehend in die Nähe von 1'780 Dollar (1'684 Fr.) und damit auf den höchsten Stand seit Herbst 2011.

Damals kostete die Unze in der Spitze sogar bis zu 1'920 Dollar (1'816 Fr.). Ob der Goldpreis bis dorthin aufschliesst, darüber gehen die Expertenmeinungen allerdings auseinander.

Angst vor Kaufkraftverlust

Treibende Kraft hinter dem Siegeszug sind die Rohstoffstrategen der bekannten US-Investmentbank Goldman Sachs. In einem Strategiepapier liessen sie kürzlich durchblicken, dass sie den Preis für eine Feinunze Gold über die nächsten drei Monate auf 1'800, über die nächsten sechs Monate auf 1'900 und auf einen Anlagehorizont von 12 Monaten sogar auf 2'000 Dollar klettern sehen.

Für die Experten steht fest, dass die geld- und fiskalpolitischen Lockerungsmassnahmen noch nie gesehenen Ausmasses bei Anlegern zu einer Angst vor Kaufkraftverlust führen werden. Hinzu kämen die historisch tiefen Realzinsen beim Dollar.

Situation vergleichbar mit Krisenjahre 2008/09

Die Strategen beurteilen die momentane Situation an den Edelmetallmärkten denn auch mit jener aus den Krisenjahren 2008/09, wurde in diesen Jahren doch das Fundament für einen mehrere Jahre andauernden Anstieg im Umfang von mehr als 80 Prozent gelegt. Darf man den Experten Glauben schenken, dann wird die Goldnachfrage selbst dann noch hoch bleiben, wenn die Weltwirtschaft nach dem pandemiebedingten Einbruch bereits wieder Tritt gefasst hat.

Der rekordhohe Kapitalzufluss in börsengehandelte Goldfonds scheint den Rohstoffstrategen Recht geben zu wollen. Wie Statistiken zeigen, übersteigen die von börsengehandelten Gold-Fonds gehaltenen Bestände erstmals in der Geschichte die Schwelle von 100 Millionen Unzen. Das sind gut doppelt so viele wie noch im Januar 2016.

Zentralbanken kaufen weniger

Doch längst nicht alle Experten teilen die Meinung ihrer Kollegen bei Goldman Sachs. So räumt die für die UBS tätige Rohstoffstrategin Joni Teves zwar ein, dass der geldpolitische Kurs der US-Notenbank den momentanen Stand des Goldpreises durchaus rechtfertigt. Allerdings brauche es weitere starke geld- oder fiskalpolitische Signale, um den Preis für eine Unze nachhaltig über 1'700 Dollar steigen zu lassen.

Ihres Erachtens haben die Realzinsen beim Dollar mittlerweile Boden gefunden. Ausserdem geht Teves davon aus, dass die Zentralbanken künftig in einem geringeren Umfang vom Edelmetall zukaufen. Offiziellen Statistiken zufolge haben Zentralbanken im April unter dem Strich rund 26 Prozent weniger Gold erworben als im April letzten Jahres. Für die ersten vier Monate errechnet sich sogar ein Rückgang um 36 Prozent.

Solidere Nachrichten könnten Gold zusetzen

Carsten Menke von Julius Bär will einen nochmals höheren Goldpreis auf kurze Sicht nicht kategorisch ausschliessen. Mittel- bis längerfristig rechnet jedoch auch er wieder mit einer rückläufigen Entwicklung. Menke argumentiert dabei mit den zur Veröffentlichung anstehenden Wirtschaftsindikatoren. Sollten diese auf eine rasche konjunkturelle Belebung schliessen lassen, könnte dies die Rolle von Gold als «sicherer Hafen» in Krisenzeiten durchaus in Frage stellen.

Menke hält den Preis, den Anleger als «Versicherungsprämie» für das Edelmetall zu berappen bereit sind, zusehends für hoch. Er sieht den Preis für eine Unze deshalb über die nächsten drei Monate auf 1'700 Dollar, über die nächsten 12 Monate sogar auf 1'600 Dollar zurückgehen. Mit einem Einbruch rechnet allerdings auch Menke nicht. Die nächsten Wochen und Monate dürften entscheiden, welches der beiden Experten-Lager näher bei der Wahrheit liegt. Zumindest auf kurze Sicht gilt aber weiterhin: «Never fight the Fed», was soviel bedeutet wie: Lege Dich nicht mit der US-Notenbank und ihrer Geldpolitik an.

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