3.04.2017 14:52
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Madagaskar
Ernte zerstört - Preisexplosion
Der Preis von Vanille hat sich seit 2014 beinahe verzehnfacht. Jetzt droht eine weitere Preisexplosion. Der verheerende Wirbelsturm Enawo vor drei Wochen hat in Madagaskar, dem grössten Vanilleproduzenten der Welt, bis zu 30 Prozent der diesjährigen Ernte zerstört.

Bereits vor dem Zyklon hatten die Preise für das schwarze Gold mit 500 Dollar (493 Franken) pro Kilo ein historisch hohes Niveau erreicht. Doch seit der Naturkatastrophe am 7. März ist der Preis um weitere 10 Prozent angestiegen, wie Berend Hachmann vom deutschen Vanille-Grosshändler Aust und Hachmann, der Nachrichtenagentur sda sagte.

Ende der Preisspirale noch nicht erreicht


Zurzeit liegt der Preis in Madagaskar bei 530 Dollar. Das Ende der Preisspirale dürfte damit aber noch nicht erreicht sein. Hachmann rechnet aufgrund der Knappheit mit einem weiteren Anstieg auf rund 600 Dollar in diesem Jahr. Aust und Hachmann verkauft zusammen mit der Schwesterfirma in Kanada jährlich 300 bis 350 Tonnen Bourbon-Vanille. Das sind 10 bis 15 Prozent des Weltbedarfs.

Madagaskar liefert mit seiner Bourbon-Vanille etwa vier Fünftel des Weltbedarfs an Vanille. Rund 20 Exportfirmen kontrollieren die Ausfuhr und damit auch den Weltmarktpreis. An der Börse wird das Gewürz nicht gehandelt, dafür ist das Volumen zu klein.

Der Zyklon Enawo traf Anfang März unter anderem Sava, die weltweit grösste Vanille-Anbauregion im Norden des Landes. Mehr als die Hälfte der globalen Vanilleproduktion stammt von hier. Etwa 30 Prozent der Vanillefelder, über 11'000 Hektaren, wurden durch den stärksten Wirbelsturm seit 13 Jahren beschädigt. Dies entspricht einer möglichen Ernte von etwa 600 Tonnen. Die weiter südlich gelegenen Anbaugebiete wurden verschont. In der am schlimmsten vom Zyklon betroffenen Region muss man laut Steiner davon ausgehen, dass sich ein Grossteil der Felder erst bis in zwei oder drei Jahren erholt haben wird.

Schmerzgrenze erreicht


Bei der Winterthurer Firma Pronatec, die zahlreiche Lebensmittelhersteller in der Schweiz und Europa mit biologisch und nachhaltig produzierter Vanille beliefert, glaubt man nicht, dass die Preise noch viel weiter in die Höhe klettern werden. Mit dem aktuellen Preisniveau sei eine gewisse Schmerzgrenze erreicht worden, sagt Simon Yersin, Einkaufschef für Vanille bei Pronatec. Bei noch höheren Preisen werde die Nachfrage sinken. Und dies wiederum würde zu einer Preiskorrektur führen.

Yersin geht eher davon aus, dass die Nahrungsmittelhersteller ihre Rezepturen ändern und den Anteil an natürlicher Vanille in ihren Produkten senken werden. Einen Nachfragerückgang hat das Unternehmen bereits 2016 festgestellt. So verkaufte Pronatec vor drei Jahren noch 80 Tonnen Vanille, im vergangenen Jahr waren es noch 40 Tonnen.

Glacé könnte teuer werden

Ob Glaceliebhaber diesen Sommer tiefer ins Portemonnaie greifen müssen, lässt sich noch nicht abschliessend sagen. Der Luzerner Milchverabeiter Emmi, der Vanille in Glace, Cremen, Getränken und Jogurts einsetzt, hat die Preise von gewissen Vanilleprodukten erhöht, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagt.

Ob die Detailhändler die Mehrkosten an den Endkunden weitergeben, wird sich zeigen. Bei der Migros bezeichnet man das Geschäft mit Vanille als so «schwierig wie selten». Gründe seien vor allem die stark gestiegene Nachfrage und die Tatsache, dass Vanille auch zum Spekulationsobjekt verkommen sei, sagt eine Sprecherin. Dadurch sei die Migros gezwungen, Preisanpassungen laufend zu prüfen.

Mehrjährige Verträge


Grosse Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé haben in der Regel mehrjährige Lieferverträge. Die Preisexplosion von Vanille trifft sie deshalb weniger stark. «Die Preise unserer Produkte richten sich nicht nach kurzfristigen Preisschwankungen auf den Rohstoffmärkten», sagt eine Nestlé-Sprecherin. Der im Vanillegeschäft stark beteiligte Aromen- und Duftstoffhersteller Givaudan wollte zu den Fragen der sda keine Stellung beziehen.

«Kein Thema» sind Preiserhöhungen bei der Gelateria di Berna. Sein Unternehmen gebe die gestiegenen Einkaufspreise für Vanille nicht an die Kunden weiter, sagt Michael Amrein, Chef Produktion und Einkauf bei der Berner Gelateria-Kette. Es nehme eine schlechtere Marge in Kauf.

Rezeptwechsel sind heikel

«Wegen Mehrkosten Rezepturen zu ändern, ist sehr aufwändig und heikel», heisst es bei Emmi. Der Nahrungsmittelhersteller setzt in seinen Produkten 27 unterschiedliche Vanilleextrakte und -Aromen ein. Eines dieser Aromen durch ein künstliches oder gemischtes Aroma auszuwechseln, mache nur dann Sinn, wenn es bei allen Produkten ersetzt werden könne. Zudem müsse der Geschmack des Produkts auch von den Konsumenten akzeptiert werden. Nestlé hingegen schliesst eine Änderung der Produktrezepturen aufgrund von Preisschwankungen vollständig aus.

Auch bei der Glace der Gelateria die Berna wird an der Zusammensetzung von Vanilleglace nichts geändert. Das Hauptproblem sei im Moment die schlechte Qualität der Vanille. Deshalb drossle man möglicherweise die Produktion, um trotzdem genug Glace zu einer guten Qualität anbieten zu können, sagt Amrein.

Missernten und Spekulation

Die schlechte Qualität rührt laut Hachmann daher, dass die Bauern seit 2014 aus Angst vor Diebstahl die grünen Vanilleschoten zu früh und unreif ernten. «Durch die zu frühe Ernte entwickelt sich der wichtigste Inhaltsstoff, das Vanillin, nicht genügend. Der Vanille mangelt es an Aroma und sie verdirbt schnell», erklärt er. «Hohe Preise gehen immer einher mit schlechter Qualität», fügt er hinzu.

Noch vor ein paar Jahren war der Vanillepreis auf einem Tiefststand. Von 2000 bis 2013 kostete das Kilo nur 15 Dollar. Diese führte dazu, dass viele Bauern in Madagaskar ihre Felder aufgaben. Seit ein paar Jahren steigt die Nachfrage nach natürlicher Vanille stark an. Vor allem grosse Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé und Unilever setzen vermehrt auf natürliche Aromen.

Auf den wachsenden Bedarf können die Produzenten nicht schnell genug reagieren. Denn es dauert rund vier Jahre, bis man nach der Anpflanzung der Kletterorchideen erstmals Vanilleschoten ernten kann. Missernten und Spekulation führten dazu, dass die Preise durch die Decke gehen.

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