3.08.2016 09:37
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Zürich
200'000 Tonnen Getreide jährlich
Im September nimmt das höchste Getreidesilo der Welt seinen Betrieb auf: das neue Kornhaus der Swissmill. Der Getreidespeicher, der mitten in Zürich direkt an der Limmat steht, war und ist nicht unumstritten. Für die Betreiber hingegen spricht alles für den Standort Zürich. Jährlich werden 200'000 Tonnen Getreide verarbeitet.

Direkt an der Limmat und nahe des Escher-Wyss-Platzes liegt das Areal der Coop-Division Swissmill an einer der besten Lagen Zürichs. Als es im Februar 2011 an der Urne um den Gestaltungsplan für den neuen, 118 Meter hohen Getreidespeicher ging, kam deshalb unweigerlich die Frage auf, ob das Silo unbedingt mitten in der Stadt gebaut werden müsse.

Aussiedlungen gescheitert

Man sprach unter anderem von einem massiven Eingriff ins Stadtbild und dass Industrie in die Peripherie der Stadt gehöre. Trotzdem stimmten die Zürcher der Vorlage mit 58,3 Prozent deutlich zu. «Es gab seit den 1960er Jahren immer wieder Diskussionen und Pläne für andere Standorte», sagt Raimund Eigenmann, Leiter Produktion und Technik bei Swissmill. Allerdings war keine der sogenannten Aussiedlungen von Erfolg gekrönt.

Es gab beispielsweise Pläne für einen Standort in Wallisellen. Dort hat laut Eigenmann jedoch der Bahnanschluss nicht funktioniert. Und das 60'000-Tonnen-Getreidesilo in Basel direkt am Rhein musste in Zusammenhang mit der dortigen Stadtentwicklung geschlossen werden. Schlussendlich scheiterte ein Umzug aber auch immer daran, dass Swissmill in Zürich vom Areal und der Kapazität her bereits zu gross war, um wegzuziehen, wie Eigenmann sagt.

Kapazität in Zürich stets erhöht

Die Schliessung in Basel machte schliesslich die Aufstockung des bisherigen 40 Meter hohen Getreidesilos auf 118 Meter notwendig: Denn ein Teil des Getreides aus Basel kam neu in die Limmatstadt und somit in unmittelbare Nähe zur Verarbeitungsstätte. «Damit haben wir den Standort Zürich zementiert», ist Eigenmann überzeugt.

Mit diesem Vorgehen bleibt sich die Swissmill, die grösste Getreideverarbeiterin der Schweiz, treu. «Zürich hatte immer eine gewisse Überkapazität. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren, wenn in der Schweiz wieder eine Mühle schloss, deren Volumen stets nach Zürich geholt», erklärt Eigenmann.

Schattenwurf auf die Badi

In Zürich seien die Gegebenheiten perfekt. Einerseits schätzt Eigenmann die zentrale Lage: «90 Prozent unserer Kunden liegen in einem Radius von rund 120 Kilometern». Andererseits kämen die Mitarbeiter gerne nach Zürich um zu arbeiten. «Dazu gehört auch, dass wir Zürcher Löhne bezahlen.»

Gleichzeitig betont er aber, dass es ohne Limmat und ohne Industriebahngleis kein neues Kornhaus geben würde. Denn das 118 Meter hohe Gebäude wirft einen Schatten, der grösstenteils auf die Limmat fällt. Das Flussbad Unterer Letten ist im Hochsommer vom Schattenwurf zu gewissen Stunden zwar ebenfalls betroffen. «Würde der Schatten aber auf Nachbarhäuser fallen, wäre unser Bauvorhaben undenkbar gewesen», sagt Eigenmann.

Täglich 1000 Tonnen Anlieferung

Über das Bahngleis erfolgt täglich die Anlieferung von etwa 1000 Tonnen Korn. Der Zug, der den Escher-Wyss-Platz passiert, besteht aus bis zu 17 Wagen. Das Korn, das etwa je zur Hälfte aus dem In- und Ausland stammt, wird aus den Getreidesammelstellen der Schweiz und Getreidezentren angeliefert.

Umgekehrt verlassen täglich zwei bis vier Wagen mit verpacktem Mehl und zusätzliche Waggons, gefüllt mit Kleiepellets, den Sihlquai. Das sind rund 100 Tonnen täglich. Der Rest wird mit Lastwagen transportiert. Abnehmer sind einerseits die Coop-Bäckereien, andererseits die Backindustrie sowie Detailhändler. Insgesamt verarbeitet Swissmill in Zürich jährlich rund 200'000 Tonnen Getreide.

44 Zellen für Weizen und Roggen

Im Inneren des neuen Kornhauses werden in 44 Zellen je 600 Tonnen Weizen oder Roggen gelagert. Über ein Becherwerk - unzählige Becher an einem endlos umlaufenden Fördergurt - gelangt das Korn nach dem Entladen senkrecht nach oben und wird danach über ein Rohrsystem in die einzelnen Zellen verteilt. Die Entladeanlage kann pro Stunde 200 Tonnen ins Silo befördern.

Einmal verteilt, bleibt das Getreide zwischen einer Woche und einem Jahr in der Silozelle, bevor es verarbeitet wird. «Unsere Kunden erwarten von uns, dass das Produkt respektive die Qualität immer gleich ist - egal wie die Ernte ausfällt», sagt Eigenmann. Dies wird dank der Grösse der Silo-Anlage möglich: Das Korn aus den verschiedenen Zellen wird vor dem Mahlen entsprechend zusammengemischt.

Swissmill beschäftigt 75 Mitarbeiter. Davon sind 35 Müller. Jährlich werden zwei bis drei Lernende ausgebildet. Auf dem Areal von Swissmill in Zürich stehen insgesamt vier Silos. Zudem werden zwei Mühlen für Weichweizen, je eine für Durum- beziehungsweise Hartweizen, Mais und Hafer sowie eine Spezialmühle betrieben.

Neues Wahrzeichen für Zürich

Das neue Kornhaus an der Limmat bewegt die Gemüter. Einige sprechen von einem Schandfleck, einem «hässlichen» Gebäude. Andere hingegen loben die Ästhetik des Baus, der 118 Meter in die Höhe ragt. Das letzte Wort zur Gestaltung ist noch nicht gesprochen.

Regelmässig wird in den Medien über das neue Kornhaus von Swissmill berichtet. Oft geht es ums Aussehen des Turms. Die Kritiker sind dabei in ihrer Wortwahl nicht zimperlich. Die «NZZ am Sonntag» schrieb beispielsweise am 17. April unter dem Titel «118 Meter Hässlichkeit» von einer «urbanistischen Sünde der Sonderklasse» und «20 Minuten» rief seine Leser dazu auf, Vorschläge für die Verschönerung des Turms einzureichen.

«Die Kritik tut mir nicht weh. Im Gegenteil, ich nehme sie gerne entgegen», sagt Raimund Eigenmann, Leiter Produktion und Technik bei Swissmill, einer Tochterfirma von Coop. Bis jetzt habe er persönlich allerdings nur positive Rückmeldungen zum neuen Getreidesilo erhalten.

Dies deckt sich mit der Beurteilung der Kommission, die das Projekt vor der Abstimmung im Februar 2011 geprüft hatte. Die externen Fachleute, Stadtratsmitglieder und Fachpersonen der Verwaltung befanden das Projekt in der Abstimmungszeitung für «einfach und besonders gut gestaltet». Das Silo wirke nicht als fremder Einzelbau, sondern bilde mit den anderen ähnlichen Bauten ein Ensemble.

Raimund Eigenmann weiss von Künstlern, die das Silo als «schönsten Monolithen der Welt» bezeichnen. Die Künstler möchten den 118 Meter hohen Turm als Projektionsfläche für ihre Kunst nutzen. «Sie brennen beispielsweise darauf, ihn zu beleuchten. Wir haben bereits hunderte Ideen bekommen, was alles möglich wäre», sagt Eigenmann.

Ausserdem sei Coop der Idee gegenüber grundsätzlich offen, dass sich der Turm noch verändere - beispielsweise in Sachen Begrünung oder Farbgebung. «Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.» In einem ist sich Eigenmann jedoch ganz sicher: «Der Getreidespeicher wird ein neues Wahrzeichen für Zürich».

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