24.08.2016 06:06
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Emmi
„Bei weniger Milch würden Billigkonkurrenten ausgetrocknet“
Die Molkerei Emmi erzielte im 1. Halbjahr 2016 einen Rekordgewinn. Laut Emmi-Chef Urs Riedener geht dies nur aufs Auslandgeschäft zurück.

„Schweizer Bauer“: Emmi erzielte im ersten Halbjahr 2016 einen Gewinnsprung. In der Medienmitteilung verweisen Sie auf die Ertragssteigerungen im Ausland bzw. auf die ausländischen Tochtergesellschaften. Aber hat Emmi auch in der Schweiz im ersten Halbjahr 2016 mehr verdient als in den Halbjahren 2014 und 2015? 
Urs Riedener:
Nein. Die Verbesserung stammt alleine aus dem Ausland und leider nicht aus der Schweiz. Der Ertrag in der Schweiz ist etwa vergleichbar mit dem Vorjahr. Die Schweiz war auch im ersten Halbjahr 2016 wie schon in den letzten Jahren ein sehr hart umkämpfter Markt. Der Haupteffekt für den Gewinnsprung aber stammt aus dem Vorjahr, weil wir 2016 anders als 2015 die Erstarkung des Schweizer Frankens nicht mehr verarbeiten mussten.

Haben die rekordtiefen Milchpreise im vergangenen Frühling zum erzielten Halbjahresgewinn von Emmi (auch das ein Rekord) beigetragen?
Zum Milchpreis in der Schweiz ist zu sagen, dass wir unsere Preise im ersten Halbjahr 2016 Richtung Detailhandel stärker abschlagen mussten, als der reine Milchpreiseffekt ausmacht. Das heisst, die Bauern bekamen zwar weniger für ihre Milch, was den leider schlechten Marktumständen zu verdanken ist . Aber wir mussten zusätzlich abschlagen, damit wir die Volumen halten konnten.

Was sagen Sie generell zu den aktuellen Milchpreisen?
Wir wissen alle, dass der Milchpreis tief ist. Ich glaube aber, man sieht auch erste Anzeichen, dass es international ein bisschen besser wird. In der Schweiz hat Emmi gerade auch im ersten Halbjahr 2016 viel dazu beigetragen, den Schweizer Milchmarkt zu stabilisieren. Beispielsweise ist nie ein Lastwagen Milch stehengeblieben. Wir waren darum besorgt, ihn abzuladen und trotz Überschuss einen möglichst guten Preis für die Milch zu lösen. Wir begrüssen die Aussicht, dass es in der Schweiz ein bisschen weniger Milch gibt und der Preis dadurch ein wenig höher wird. So fliesst hoffentlich weniger billige Milch auf den Markt. Wir haben ja sehr beständige Verträge mit unseren Lieferanten. Wer mit billigen Produkten aus billiger Milch auf den Markt drückt, würde dann ausgetrocknet und es gäbe weniger Marktverzerrungen.

Der Betriebs- und Personalaufwand in der Schweiz folgte nicht der negativen Umsatzentwicklung in der Schweiz. Bewusst habe Emmi nicht Stellen ins Ausland verlagert oder die Arbeitszeiten fürs Personal verlängert. Warum nicht?
Bei der Arbeitszeitverlängerung gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder versuchen Sie Angestellten, die bereits sehr engagiert sind und auch am Wochenende Milch verarbeiten - gerade im April, als wirklich nicht zu wenig Milch vorhanden war - noch mehr Stunden aufs Auge zu drücken. Oder Sie sagen, das machen wir gezielt nicht, in der Meinung, dass die Leute Ihnen das mit einer sehr guten Motivation zurückzahlen. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden. Wir sind darauf angewiesen, und das ist eine Stärke von uns, dass wir sehr gute und sehr motivierte Angestellte haben, die jeden Tag hart arbeiten und sich für die Firma einsetzen. Das ist ein Vorteil, den wir gegenüber vielen Konkurrenten haben. Den wollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Und Stellenverlagerungen?
Wir haben gesagt: Wir stehen zum Standort Schweiz, wir stehen zur Belegschaft Schweiz. Wir wollen besser werden und müssen uns noch mehr anstrengen. Das ist unsere Philosophie. Andere Schweizer Firmen lagern aktiv Arbeitsplätze aus. Aber wir verstehen uns als Schweizer Firma in allen Dimensionen, die Schweiz ist unser Heimmarkt. Wir gehen nicht einfach weg, wenn es hier ein bisschen härter ist.

Die Reingewinnmarge lag im ersten Halbjahr 2016 bei 3,8%. Vor zwei Jahren (1. Halbjahr 2014) lag sie bei 2,8%. Dazwischen liegt die Aufgabe des Mindestkurses Franken zu Euro durch die SNB im Januar 2015. Kann man sagen, die Emmi-Gruppe stehe trotz sogenanntem Frankenschock stärker denn je da?
Im Grundsatz stimmt das. Die Frage ist aber schon, was wir dafür gemacht haben. Und wohl auch: was macht Emmi heute nicht mehr? Erstens haben wir uns laufend von Geschäften mit unzureichender Rentabilität getrennt, im Ausland sogar ganze Unternehmen verkauft. Das führt dazu, dass wir heute weniger Umsatz haben als noch vor zwei Jahren. Das heisst, auf der Umsatzseite litten wir durchaus. Zweitens haben wir im Ausland durch Preiserhöhungen oder durch die Auswahl von passenden Akquisitionszielen versuchen, uns ebenfalls zu verbessern. Insgesamt ist es uns gelungen und unsere Strategie, Rückschläge in der Schweiz – die Mindestkursaufhebung war ein solcher Rückschlag mit vielfältigen Auswirkungen – mit dem Auslandgeschäft kompensieren können.  Das Ausland hat uns geholfen, die Fankenschock-Delle abzuflachen oder auszuwetzen. Aber ich hätte natürlich trotz allem lieber auch steigende Umsätze in der Schweiz und im Exportgeschäft aus der Schweiz heraus, das ist keine Frage. 

In der Emmi-Division Schweiz war der Umsatz im ersten Halbjahr 2016 rückläufig (-20 Mio Fr.). In der Medienmitteilung ist von schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen im Heimmarkt die Rede. Trotzdem legten Caffè Latte, Yoqua, Energy Milk, Kaltbachkäse und Luzerner Rahmkäse zu. Die schwierigen Bedingungen gelten offenbar nicht für alle Segmente?
Das ist natürlich so. Man muss die schwierigen Bedingungen differenziert betrachten. Zum einen: Wo ist der Preis besonders sensibel -  im Vergleich zu den inländischen Konkurrenten, zu Importen aus dem Ausland und aus der Perspektive des Detailhandels bezüglich Einkaufstourismus? Wir sehen, dass dort, wo wir einzigartige Konzepte haben, dort, wo der Konsument genau dieses Produkt will, sich diese Produkte auch in einem preisaggressiven Umfeld besser behaupten können, als dort, wo die Produkte vergleichbarer sind mit anderen Schweizer Produkten, mit Importprodukten. Als Beispiel kann ich den Mozzarella nennen. Der hat deutlich mehr Mühe sich zu halten, vor allem auf der preislichen Seite, weil dort der Importdruck aus den europäischen Ländern stark ist. Bei einem Caffè Latte ist dies weniger der Fall. Dort will der Konsument genau einen Kaffeedrink, der so schmeckt wie unser Caffè Latte.

Der Umsatz mit Schweizer AOP-Käsen entwickelte sich bei Emmi im In- und Ausland rückläufig, dagegen legten im In- und Ausland Käsespezialitäten aus Kaltbach, der Scharfe Maxx und der Luzerner Rahmkäse zu. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären, auch AOP-Käse sind doch Spezialitäten?
Schweizer AOP-Käse sind hervorragende Spezialitäten. Das Problem ist, dass auch sie austauschbar sind. Und hier ist nicht einmal nur die ausländische Konkurrenz das Problem. Der Konsument will einen Gruyère und so kauft der Handel den billigsten Gruyère auf dem Markt. Das führt zu einem ständigem Preisdruck in diesem Bereich, dem unsere Mitbewerber leider zu oft nachgeben. Bei einem Kaltbach-Käse ist das kaum der Fall. Da gibt es nur einen Anbieter, und der heisst Emmi. Dort versuchen wir sehr hohe Qualität zu liefern, beständige Qualität. Aber das hat natürlich seinen Preis. Ein solches Geschäft kann man langfristiger und zuverlässiger aufbauen. Im AOP-Bereich hingegen spielt der Handel die verschiedenen Anbieter gegeneinander aus und wechselt den Lieferanten – beipsielsweise bei Gruyère in Deutschland - mindestens einmal pro Jahr. So entsteht kein Geschäft, das man langfristig miteinander aufbauen kann.

Aus den Sortenorganisationen ertönt der Vorwurf, dass Emmi die eigenen Markenkäse favorisiert. 
Wir sind der führende Anbieter von AOP-Käsen in der Schweiz und international. Das ist für uns eine wichtige Position, von der wir uns wünschten, dass sie sich besser entwickeln würde. Es ist aber leider so, dass wir auf gewisse Umsätze im AOP-Bereich verzichten müssen, weil Offerten von Mitbewerbern so tief sind, dass es für uns bei weitem nicht rentabel ist. Und ich spreche hier nicht von ausländischen Konkurrenten, sondern von anderen Schweizer Händlern. Man sieht es zum Beispiel beim Appenzeller Käse: Der gesamte Export war im ersten Halbjahr 2016 leicht steigend, Emmi aber hat weniger Appenzeller exportiert. Und dieser Abtausch lief einzig über den Preis.

Sie erwähnen die konsequente Stärkung von führenden Positionen in Nischen, die zum guten Ergebnis geführt habe. Auf dem Schweizer Markt ist Emmi aber auch sehr stark im Massengütergeschäft tätig (z. B. Industriebutter). Wie lange wird Emmi in diesen Geschäftsfeldern überhaupt noch aktiv bleiben?
Das Eine schliesst das Andere nicht aus. Wir haben in der Schweiz und im Ausland zwei verschiedene Strategien. In der Schweiz sind wir ein Gesamtsortimentsanbiete., Das bedeutet, wir werden in allen Segmenten aktiv bleiben und unsere Stellung auch in der Zukunft verteidigen. Im Ausland aber sind wir in Nischen- bzw. Premiumsegmenten tätig. Dort schauen wir sorgfältig, welche Nischen für uns spannend sind, wo wir eine gewisse Rolle spielen können. Für den Massenmarkt sind wir zu klein, als das wir dort eine wirtschaftlich attraktive Position erreichen könnten.

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