19.10.2018 09:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Von Emmentaler Katzen in Löchern
In der Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Chatzloch“ geht unsere Serie weiter. Das Landstück befindet sich im Trueb im Kanton Bern. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Markus Habegger aus Trueb im Emmental stellte mir die Frage: Was bedeutet der Flurname Chatzloch? Die Frage ist durchaus berechtigt, da Katzen wohl nicht in Löchern leben. 

Die Gemeinde Trub ist umfangreich, waldreich und hügelig und vor allem von markanten Tälern, in der Emmentaler Mundart von Gräben, und auch der Sältebach ist genau genommen ein Graben. Das Chatzloch liegt nahezu am Ende des Twäregrabe, jedoch nicht in der Tiefe, sondern an einer nordwest exponierten, teilweise bewaldeten Bergflanke auf rund 1100 Meter über Meer. In der näheren Umgebung innerhalb der umliegenden Hügelkämme findet sich kein weiterer Name, der das Element Loch führt.

Viele Chatz-Namen

Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass diese Bergflanke der Länge nach von einem feinen Graben durchzogen ist. Das bringt uns wieder zurück auf die Spur. Im Vergleich zu einem Tal oder einem Graben, der in der Regel eine markante, bedeutende Senke beschreibt, kann sich der Begriff Loch nicht nur auf eine kreisrunde Vertiefung beziehen, sondern eben auch kleinere, feinere Geländeeinschnitte benennt. Beispielsweise heisst im solothurnischen Hofstetten ein enges Tälchen hin zur Burg Sternenberg ebenfalls Chatzeloch. Auch im benachbarten Entlebuch, in der Gemeinde Escholzmatt liegt ein Chatzeloch, das einen sanften Waldgraben beschreibt. Und auch in der Gemeinde Nesslau (SG) findet sich ein Chatzeloch.

Auch hier bezeichnet der Name ein quer zum Haupttal verlaufender, weniger ausgeprägter Graben. Wir finden noch weitere Chatz-Namen in der Schweiz. Etwa ein Chatzenstäg in Dittingen, BL, der ein schmaler, steiler Weg bezeichnet, der nur über einen Felsgrad zu erreichen ist, der angeblich so schmal ist, dass nur eine Katze sich gefahrlos darauf bewegen kann.

Ort des Birnbaums

In Obergösgen scheinen die Katzen auch beliebt zu sein – dort gibt es die Flur «Chätzler». In diesem Fall hat aber die Katze nicht ihre Pfoten im Spiel, denn der Name Chätzler bezeichnet eine alte Birnen-Sorte und verweist damit auf einen einstigen Birnbaum. Beides hilft uns beim Chatzloch in Trueb auch nicht weiter. Schauen wir also mal im schweizerdeutschen Wörterbuch, dem sogenannten Idiotikon, nach. 

Hier bezeichnet das schweizerdeutsche Wort Chatz kleine, schwer begehbare, steile Stellen oder auch schmale (Fuss-)Wege. Ebenfalls ist das Wort als Ausdruck der Geringschätzung zu verstehen. Aha! Das Trueber Chatzloch bezeichnet also eine in Verhältnis zum Hauptgraben kleine Vertiefung im Gelände. Metaphorisch ist damit ein geringwertiges kleines Loch zu verstehen. Also nicht ein Tal, oder eben ein Graben, sondern nur ein Loch, und dann erst noch ein kleines, geringgeschätztes. Eine Katze dürfte in diesem Loch also nicht zu finden sein.

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.



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