25.09.2018 08:04
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Eine reife Leistung in Reiferswil
In der neuen Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Reiferswil“ geht unsere Serie weiter. Das Landstück befindet sich in Fischbach im Kanton Luzern. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Man hätte es mir auch einfach machen können und mir die Frage stellen, was Fischbach heisse. So ein sprechender Name wäre mit einem Wimpernschlag erklärt gewesen. Aber wahrscheinlich wäre das Sepp und Heidi Steinmann-Buob zu einfach gewesen. Sie hätten es selbst als fischreiches Gewässer deuten können. 

Aber Reiferswil? Sind hier die Früchte reifer als sonst wo? Vielleicht aufgrund klimatischer Bedingungen früher reif? Oder gar andersrum: Ist es hier auf gut luzernerdeutsch rüüdigchaut, hat also mehr Riffe, Reifglätte in kalten Herbst- und klaren Wintertagen? Oder ist Reiferswil der Weiler reifer Leute? Was reift denn bei Fischbach am besten?

Alter Siedlungsname

Irgendetwas muss da dran sein, wieso sonst gibt es zusätzlich ein Hinter-, Unter- und Oberreiferswil? Vor wenig mehr als hundert Jahren gab es sogar noch ein Vorderreiferswil. Diese kleinen Weiler liegen alle nördlich von Fischbach an der Gemeindegrenze zu Grossdietwil LU. Auch wenn es heute kleinste Hofgruppen sind, handelt es sich bei Reiferswil um einen alten Siedlungsnamen mit einer -wil-Endung. Wie auch Grossdiet-wil. Ursprünglich dürften beide Siedlungen in der Zeitspanne vom hochmittelalterlichen Landesausbau zwischen dem 8. bis 11. Jahrhundert gegründet worden sein. Jenseits der Kantonsgrenze zeugen Gondiswil BE und Reisiswil ebenfalls von einer ausgeprägten Siedlungstätigkeit.

Neuer Bauernhof

Der Name Reiferswil ist wie alle weiteren erwähnten -wil-Namen nach einem ganz bestimmten Muster aufgebaut. Er besteht zum einen aus der Endung Wil, in der Bedeutung von ‚Weiler, kleine Häusergruppe’. Im Althochdeutschen bedeutete Wil in der damaligen Schreibung wîllâri noch ‘neuer Bauernhof, Neusiedlung’. Hier ist die Neugründung geradezu spürbar. Zum anderen beginnt der Name mit dem Element Reifer. Hierbei handelt es sich um die heutige Schreibung eines alten Personennamens, um den Namen des Anführers, des Gründers dieser Neusiedlung. Um den wirklichen Namen herauszufinden, müssten ältere Schreibungen vorliegen. 

Zwar ist die Schweiz klein, und trotzdem finden sich immer wieder gleich- oder ähnlichlautende Siedlungsnamen. Im Kanton Zürich liegt Rifferswil. Die historischen Belege verweisen auf den Personennamen Rihfrid, Rihfred, Rifrid, der in den Urkunden des Klosters St. Gallen belegt ist. Daraus ergibt sich die Deutung ‚Das Gehöft des Rihfrid, Rihfred oder Rifrit’.

Zwar lässt es sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, aber ich würde diese Deutung auch dem Reiferswil bei Fischbach zuschreiben. In diesem Fall bedeutet Reiferswil, der Bauernhof oder das Gehöft einer Person namens Rihfrid. Das meine ich, ist doch eine reife Leistung. Und Sepp und Heidi Steinmann-Buob wünsche ich, dass Früchte reifen, aber der Riffe nicht zu bös ausfällt.

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.

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